Aufsatz 
Der römische Grenzwall bei Hanau mit den Kastellen zu Rückingen und Marköbel / von Georg Wolff und Otto Dahm
Entstehung
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fältige, topograpisch genaue Registrierung solcher unscheinbaren Funde und deren Aufbewahrung in den Museen eine der notwendigsten Aufgaben unserer Lokalvereine. Meiner Ansicht nach be- ruht ein Grundirrtum bei der Beurteilung der Bedeutung solcher Ziegelfunde darin, dass man an- nahm, alle bei einem Kastell gefundenen Ziegel müssten notwendig auch an Ort und Stelle und zwar von dem dort garnisonierenden Truppenteile gebrannt sein. Ich sehe ganz ab von der nahe- liegenden Frage, ob denn überhaupt ein jedes Kastell die geeigneten Thonlager in bequemer Nähe gehabt habe. Aber sicherlich ist es doch nicht wahrscheinlich, dass, wenn nach hundertjährigem Bestehen eines Kastells einzelne Bauwerke in und bei demselben aufgeführt wurden, man sogleich für diesen Zweck eine besondere Ziegelei baute oder eine vor Jahrzehnten benutzte wieder her- stellte. Andererseits ist nicht abzusehen, warum das Vorhandensein so vorzüglicher und ausge- dehnter Thonlager wie die zwischen Grosskrotzenburg und Kahl befindlichen nicht Veranlassung gegeben haben sollte, ihr Material auch anderen Plätzen zu gute kommen zu lassen. Warum sollten die Grosskrotzenburger Ziegel nicht unter den Römern am Limes sich eines ähn- lichen Rufes erfreut haben, wie die Erzeugnisse der grossen Kunstziegeleien bei Hainstadt ge- genüber Grosskrotzenburg sich heute eines Weltrufs erfreuen und weit über die Grenzen des Reiches hinaus versandt werden? Der Grund war an beiden Orten derselbe, das Vorhandensein aus- gezeichneter Thonlager, die in Hainstadt bereits im 17. Jahrhundert zur Anlage von Ziegeleien Veranlassung gaben, wie sie in Grosskrotzenburg nachweislich zur Römerzeit ausgebeutet und zwar, wie die Ausdehnung der Gruben beweist, sehr ausgiebig und lange Zeit ausgebeutet worden sind.

Dass aber solche Lieferungen von Ziegelmaterial noch anderwärts und von andern Truppen- teilen stattfanden, dafür fand ich bei den Voruntersuchungen für die Ausgrabung des Rückinger Kastells einen schlagenden Beweis; man würde sie öfters finden, wenn man sein Augenmerk auf diesen Punkt mehr, als bisher geschehen, richten wollte. Ich fand im Winter 1881/82 bei einer Besich- tigung der genannten Römerstätten im Schutt eines zufällig vertieften Wassergrabens ein Frag- ment einer Ziegelplatte, die sich in Farbe und Material von den sonst bei Rückingen gefundenen Ziegeln unterschied. Auf demselben waren die letzten Buchstaben des Stempels Leg. XXII, pr. p. f. in vorzüglicher Form und ganz aussergewöhnlicher Grösse erhalten. Ich erinnerte mich, einen Stempel derselben Grösse in einer Publikation Dieffenbachs über F riedberger Ziegelstempel¹) erwähnt gefunden zu habęn, und richtete daher an den genannten Forscher die Bitte, mir einen Abklatsch des betr. Stempels zu schicken. Was ich vermutet, bestätigte sich: der Rückinger Stempel, der sich bei den späteren Ausgrabungen mehrfach fand, war mit demselben Instrument wie der Friedberger gemacht. Der letztere kam nur auf Hypokaustkacheln von der grössten uns bekannten Art, die in den Wänden angebracht waren, vor. Auch mehrere unserer Fragmente hatten solchen Kacheln angehört. Ich trage kein Bedenken, die Ansicht auszusprechen, dass gerade diese Art von Kacheln, die nur selten gebraucht wurden, in Friedberg fabriziert und u. a. auch nach Rückingen geliefert wurden. Es schliesst das nicht aus, dass zu irgend einer Zeit auch beim Rückinger Kastell ein Ziegelofen des dort garnisonierenden Truppenteils vorhanden war, wie wir Spuren der Existenz eines solchen bei den Ausgrabungen auch wirklich gefunden haben.

¹) G. Dieffenbach, Zusammenstellung der bisher in Friedberg aufgefundenen römischen Inschriften. Nassauer Annalen XIV. Band, S. 202 ff. Es ist der unter Nr. 182, S. 297 aufgeführte Stempel, auf dem der Zahlstrich unter der Zahl angebracht ist.