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zwischen Grosskrotzenburg und Miltenberg aufgefunden¹). Ob auch sie mit Grosskrotzenburger Stempeln identisch oder, wie wir wohl jetzt schon sagen können, mit Grosskrotzenburger Instru- menten verfertigt sind, darüber vermag ich, da ich sie noch nicht gesehen habe, nicht zu ur- teilen, möchte es aber glauben.
Alle diese Umstände legen die Vermutung nahe, dass in der Zeit gesicherter Okkupation unserer Gegend und friedlichen Verkehrs zwischen den einzelnen Stationen unsere Kohorte die Ziegelfabrikation mit besonderem Eifer betrieb und die benachbarten Kastelle, besonders aber die am Main gelegenen bis Miltenberg hinauf, mit Baumaterial versah. Dass nicht umgekehrt die Versendung von Miltenberg aus stromabwärts, wie es bei den Sandsteinen der schon von den Römern ausgebeuteten Miltenberger Brüche der Fall war, stattfand, dafür spricht abgesehen von den Gründen, die uns bereits früher nötigten, Grosskrotzenburg als die dauernde Garnison, zumal in der letzten Zeit der Okkupation, zu betrachten, die Auffindung der grossen Grosskrotzenburger Ziegelei und der Umstand, dass auch nach Rückingen die Ziegel verbracht sind. Es ist durchaus denkbar, dass dieselben Schiffe, welche Miltenberger Steine stromabwärts brachten, Grosskrotzen- purger Ziegel als Rückfracht den Mainkastellen zuführten. Durch diese Annahme fällt zugleich ein neues Licht auf die Bedeutung des gesicherten Mainhafens unter dem Kastell Grosskrotzen- vurg und den Verkehr zwischen den Grenzplätzen überhaupt.
Mir schien es schon längst verkehrt, dass man, wie es von vielen Forschern geschieht, aus dem Vorhandensein der Ziegel irgend eines Truppenteils sofort den Schluss zog, es habe derselbe die Garnison des Platzes gebildet. Es würde eine solche Annahme für unsere 4. Vindelicierkohorte allein auf Grund der bisher nachgewiesenen Fundorte einen mehr als zwanzigmaligen Wechsel der Garnison beweisen, der für die Bauzeit wohl denkbar wäre, wenn wir aber die Kohorten als Besatzung der betref- tenden Kastelle ansehen, allem, was man sonst in dieser Beziehung beobachten kann, widersprechen würde. Wohl betrachte auch ich mit einem der berufensten Forscher auf diesem Gebiete¹) die Militär- stempel als„die untrüglichsten Zeugen der Anwesenheit römischer Truppen,“ aber mehr noch stimme ich ihm bei, dass dieselben bei mangelhafter Überlieferung„eher dazu beitragen können, die Kenntnisse des Heerwesens zu verwirren als zu unterstützen.“ Hat doch Ohlenschlager selbst an einem gerade auf unsere Kohorte bezüglichen Beispiel das Gefährliche solcher Beweisführung dargethan, indem er nachweist, wie die bei dem sog. Römerbrunnen zw Salzbrunn bei Kempten vefindlichen Stempel der Leg. VIII Augusta und Coh. IIII Vind. von den Frankfurter Besitzern des Bades aus Mainz und von der Saalburg dorthin gebracht sind, um bei dem Römerbrunnen gleichsam Patenstelle zu vertreten²), dass also die Leg. VIII Aug. und die Coh. IIII Vind. aus dem Verzeichnis der rätisch-baierischen Funde zu entfernen sind.“ 1
Aber auch ohne eine solche grobe Mystification führt die blosse Rücksicht auf die Auffindung von Stempeln an einem Römerplatze sehr häufig zu Täuschungen, wenn nicht genau festgestellt wird, welcher Art die betreffenden Ziegel sind, und an welchen Stellen sie gefunden wurden, ob sie nur an dem einen Orte oder auch an anderen vorkommen, und welche sonstigen Truppenteile an dem- selben Platze vertreten sind. Auch auf die Beschaffenheit der Stempel selbst kommt, wie wir oben sahen, sehr viel an. In dieser Hinsicht lassen die Publikationen von Ziegelstempeln und die auf solche Funde aufgebauten Hypothesen meistens noch sehr viel zu wünschen übrig. Es ist die sorg-
*) Vgl. Korrespondenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift III, V, S. 55. ²) Ohlenschlager in der oben angeführten Schrift S. 3. ³) A. a. O. 38 u. 39.


