Aufsatz 
Der römische Grenzwall bei Hanau mit den Kastellen zu Rückingen und Marköbel / von Georg Wolff und Otto Dahm
Entstehung
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Hier dürfte es am Platze sein, auf die interessante Frage nach der Provenienz der am Limes zwischen Rhein und Main sowie bei den Kastellen am letzteren Flusse 8o zahlreich aufge- fundenen Stempel der Coh. IIII Vindelicorum etwas näher einzugehen. Ich habe an anderer Stelle eine Geschichte dieser baueifrigen Kohorte auf Grund der vorhandenen Inschriften und Stempel zu geben versucht¹) und bin dabei zu dem Resultate gekommen, dass dieselbe das Kastell Gross- krotzenburg erbauen half und dann von der Vollendung des Limes bis zum Aufhören der Römer- herrschaft seine Garnison bildete. Meine Annahme beruhte abgesehen von dem Umstande, dass in Grosskrotzenburg bei weitem die zahlreichsten, mannigfaltigsten und aus den verschiedensten Zeiten der Okkupation stammenden Stempel gefunden sind, besonders darauf, dass von drei bisher bekann- ten Steininschriften der Kohorte zwei Grosskrotzenburg angehören, unter ihnen die einzige datierte, die zugleich die Anwesenheit des Kommandanten der Kohorte am Ende des 2. Jahrhunderts im Kastell beweist, und dass die gestempelten Ziegel sich in Grosskrotzenburg sowohl in den Türmen und Gebäuden des Kastells als auch in den Häusern und Hypokausten der bürgerlichen Nieder- lassung, die sicherlich z. T. jünger als jene waren, gefunden haben.

Das Vorkommen der Stempel in anderen Kastellen zwischen Main und Rhein erkläre ich daraus, dass die Kohorte vor ihrer dauernden Stationierung in Grosskrotzenburg dass das Pfahl- grabenstück zwischen Taunus und Main das jüngste von allen ist, dürfte wohl zweifellos sein am Limes bauen half. In Miltenberg aber, wo die Ziegel der Kohorte sich nur in einem offenbar spät angelegten Bauwerk der Niederlassung fanden, und zwar, was besonders wichtig ist, mit, Stempeln, die fast alle mit denselben Instrumenten verfertigt sind,²) welche auch bei der Herstellung der Grosskrotzenburger Ziegel angewendet wurden, war die Kohorte entweder bei der Herstellung des nachweisbar z. T. zerstörten und wieder aufgebauten Kastells thätig oder sie lieferte nur Ziegel für die Bauten in und bei demselben. Die letztere Annahme wird durch die Resultate un- serer neuesten Ausgrabungen und gleichzeitig an anderer Stelle gemachte Funde fast zur Gewiss- heit erhoben. Bei der Aufdeckung des Rückinger Kastells im Herbste 1882, auf die wir weiter unten näher eingehen werden, wurde dieselbe Beobachtung wie in Miltenberg gemacht. Auch hier fanden sich, während beim Bau der Kastelltürme Ziegel mit Stempeln der Coh. III Dalmatarum, angewendet waren, solche der Coh. IIII Vind. ausschliesslich bei Wohnräumen, die aus späterer Zeit stammen, besonders häufig auf den kleinen quadratförmigen Platten, die zum Aufbau der Hypokaustpfeiler verwendet wurden, und die hier wie in Grosskrotzenburg und Miltenberg aus schlechterem Material weniger sorgfältig hergestellt waren als die übrigen Ziegel. Was aber be- sonders wichtig ist, auch hier sind die Stempel fast ausnahmslos mit Instrumenten gemacht. die auch in Grosskrotzenburg gebraucht worden sind.

Gleichzeitig hat Conrady bei der Aufdeckung einer sicherlich zum Kastell gehörigen grossen Villa den Stempel unserer Kohorte 23 Stück, 7 Varietäten in Niedernberg am Main

¹) Festschrift S. 62 ff. Zu der von mir S. 65 gegebenen Tabelle der Fundorte hat Hammeran a. a. 0. S. 193 noch einige Nummern hinzugefügt. Die Fundstätten liegen ebenfalls an dem erwähnten Stück des Limes, so dass diese Ergänzung vollkommen meinen Schlussfolgerungen entspricht und dieselben bestätigt. Eine weitere Ergänzung gibt Prof. Ohlenschlager in seiner höchst instruktiven Schrift über die römischen Truppen im rechtsrheinischen Baiern S. 89 ff. Es gereicht mir zur besonderen Genugthuung, dass dieser hervorragende Kenner der militärischen Verhältnisse des römischen Germaniens sich bezüglich der Geschichte unserer Kohorte meinen Ausführungen in allen Teilen anschliesst.

²) Vgl. Festschrift S. 69. Dazu Suchier, Legions- und Kohortenstempel S. 22. Dass die obige Behaup- tung für den weitaus grössten Teil der Miltenberger Stempel gilt, wurde durch wiederholte Besprechungen mit Herrn Kreisrichter Conrady und persönliche Besichtigung der Miltenberger Funde von mir festgestellt.