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sich befinden musste, auffand, sondern auch die Fundamente eines Turmes blosslegte, der in seinen Grössenverhältnissen genau den Flankentürmen der Porta decumana entsprach und nach seiner Lage nur der nördliche Turm der Porta praetoria sein konnte. Die Frage, ob das Kastell viel- leicht mit Rücksicht auf seine Lage zwischen Grenzwall und Fluss nur 3 Thore gehabt habe, war damit entschieden. ¹)
Eine besondere Eigentümlichkeit unseres Kastells war durch seine Lage am Strom bedingt, dessen Ufer seiner südlichen Langseite parallel und so nahe lag, dass zwischen dieser und der ge- wöhnlichen Hochwassergrenze nur Raum für die zur Porta principalis dextra führende Uferstrasse war, die genau der heutigen sog.„Untergasse“ entsprach. An der nördlichen Seite dieser Dorfstrasse war unterhalb der SW.-Ecke des Kastells ein pfeilerartiger Gussmauerklotz gefunden worden, dessen römischer Ursprung abgesehen von der Struktur auch durch die bei einer Ausgrabung an seiner Sohle sich findenden römische Gefässreste bewiesen wurde. Die bereits bei seiner Auffindung aus- gesprochene Ansicht, dass er der Rest einer von der Südfront des Kastells senkrecht zum Strom führenden Befestigung sei, wurde in diesem Jahre bestätigt, indem sich in dem zwischen jenem Mauerklotz und der Kastellfront liegenden Hofe in der Verlängerung des ersteren wiederum römi- sches Fundament fand. Da auch an der Südostecke nach der Aussage der Besitzer eine nach dem Fluss hingehende sehr harte Mauer ausgebrochen ist, so scheint die Vermutung begründet, dass der Raum zwischen Kastell und Strom befestigt war, um eine in der Verlängerung der Via principalis über den Strom führende Übergangsstelle zu sichern.²) Welcher Art dieselbe war, konnte bis jetzt nicht festgestellt werden, da wiederholte Untersuchungen keine Reste einer Brücke, auf welche die Aussage der Bewohner hindeutet, erkennen liessen. Dagegen fanden wir neuerdings genau in der Verlängerung der Via principalis auf dem gegenüberliegenden Ufer, wo der Besitzer des Grund- stücks eine römische Münze beim Pflügen zu Tage gefördert hatte, Reste römischer Gefässe, die auf das Vorhandensein eines kleinen römischen Bauwerks schliessen lassen.
Im engsten Zusammenhang mit der Frage nach der Lage des Kastells zum Flusse steht die nach dem Anschluss des Limes an den letzteren. Dass der Pfaffendamm— so heisst der Pfahlgraben in dieser Gegend—, nachdem er 14 Kilometer von Marköbel über Rückingen in ge- rader Linie nach Süden gezogen ist, 1000 Schritt nördlich von Grosskrotzenburg an der Grenze des Waldes unkenntlich wird, erklärt sich daraus, dass der Zwischenraum zwischen Wald und Dorf seit uralten Zeiten zur Feldmark gehörte, auf der wie überall Wall und Graben eingeebnet wurden, doch nicht ohne dass es wenigstens in der nördlichen Hälfte der Fläche möglich gewesen wäre, die Spuren des Grabens noch zu verfolgen. Da auch diese auf eine geradlinige Fortsetzung hin- wiesen, so war es berechtigt anzunehmen, dass der Limes seine bisher so konsequent eingehaltene Richtung bis zum Main oder zum Kastell beibehalten habe, welches er dann nahe der Nordostecke getroffen hätte. In dem unseren Abhandlungen beigegebenen Plane wurde daher die ideelle Linie des Limes mit dem Anschluss an das Kastell eingetragen. Im Text aber liess ich es zweifelhaft. ob der Pfahlgraben vor dem Kastell zum Strom geführt sei oder so sich ans Kastell angeschlossen habe, dass sein Graben in den äusseren Kastellgraben verlaufen sei. Diese Vorsicht sollte sich durch die Ergebnisse neuerer Nachforschungen als vollkommen gerechtfertigt erweisen.
Dicht vor den nördlichsten Häusern des Dorfes, nahe der Nordostecke des Kastells, waren nach der Aussage der Bewohner und den Einzeichnungen des verstorbenen Lehrers Kullmann auf einer Flurkarte, die sich im Besitz des Hanauer Bezirksvereins befindet, vor etwa 30 Jahren die
¹) Vgl. Korrespondenzblatt der Westd. Zeitschr. II, I, 4. ²) Vgl. Festschrift S. 26.


