Aufsatz 
Der römische Grenzwall bei Hanau mit den Kastellen zu Rückingen und Marköbel / von Georg Wolff und Otto Dahm
Entstehung
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I. Die 4. Vindelicierkohorte und ihre Ziegeleien zu Grosskrotzenburg.

Durch die Nachweisung der Existenz, Lage und Grösse des Kastells zu Grosskrotzenburg und der zu ihm gehörigen Niederlassung war die lange Zeit streitige Frage über den Verlauf des nordmainischen Limes und seinen Anschluss an den Main in allen wesentlichen Punkten gelöst. Dass im Einzelnen noch manche Fragen offen blieben, das brachte der Umstand mit sich, dass die Reste des Kastells und eines grossen Theils der Niederlassung seit mehr als einem Jahrtausend von den Häusern des Dorfes bedeckt sind, eine zusammenhängende, systematische Aufdeckung der- selben also nicht möglich ist. Wir mussten die Aufklärung mancher streitiger Punkte vom Zufall und baulichen Veränderungen im Dorfe erwarten, konnten aber die Hoffnung aussprechen, dass das durch unsere Arbeit geweckte Interesse der Bewohner für die historische Vergangenheit ihres Dorfes es verhüten werde, dass solche Funde in Zukunft, wie es früher geschehen war, unbeachtet plieben, und dass die genaue Aufnahme der Reste und die Einzeichnung aller Fundstätten in die Katasterkarte des Ortes es möglich machen werde, allen späteren Funden ihre Stelle und ihre Bedeutung für die Ergänzung der Topographie des römischen Grosskrotzenburg anzuweisen. Schmeller als wir erwarten konnten, hat sich unsere Hoffnung erfüllt. Mitteilungen zufälliger Funde, auf die Lehrer Schaack, der sich bereits um die ersten Ausgrabungen so hervorragende Verdienste erworben hatte, rechtzeitig achtete, und eigne Nachforschungen haben. eine ganze Reihe wichtiger Ergänzungen zu den früheren Beobachtungen gebracht, sie haben manches, was damals noch als Vermutung ausgesprochen wurde, bestätigt, in keinem wesentlichen Punkte die früher gewonnenen Resultate als unrichtig erscheinen lassen. ¹)

Eines der interessantesten Ergebnisse der Grosskrotzenburger Ausgrabungen war die Be- obachtung, dass das heutige Dorf in der Richtung seiner Hauptstrassen noch den Plan des Römer- kastells erkenneu lässt, wie denn die Reste dreier Thore, bezw. ihrer Türme, unter dem Pflaster jener Strassen aufgedeckt wurden. Dagegen war die Porta praetoria nicht aufgefunden worden, da die Stelle, wo sie gesucht werden musste, von der westlichen Häuserflucht der Steingasse be- deckt war. Da wollte es der Zufall, dass im Winter 1882/83 eines dieser Häuser abgebrochen wurde, und dass man dabei nicht nur die Kastellmauer genau an der Stelle, wo sie nach den Messungen

¹) Dr. A. Hammeran hat in einer eingehenden Besprechung meiner Arbeit in der Westdeutschen Zeit- schrift für Geschichte und Kunst, II. Jahrg., II. Heft, S. 189 Zweifel an der Existenz eines Totenfeldes nördlich vom Kastell erhoben. Ich glaube dieselben in dem Aufsatz: Römische Totenfelder in der Umgebung von Hanau, Westd. Zeitschr. Il, IV, S. 420 widerlegt zu haben. Was die Gräber vor dem Mithrasheiligtum betrifft, so haben mich neue Funde aufrechtstehender Graburnen im Schutt römischer Häuser der Niederlassung sowie andere Beobachtungen in der Ansicht bestärkt, dass diese Gräber und, wie ich jetzt annehme, auch die Grabkisten aus Ziegelplatten vor dem Mithraeum von römischem Volk herstammen, welches nach der Räumung des Kastells und der Zerstörung der Niederlas- sung innerhalb der Mauern des ersteren unter germanischer Hoheit zurückblieb. Vgl. a. a. O., S. 425 und Korres- pondenzblatt der Westd. Zeitschr. II, I, S. 3. In einer Anmerkung zu seinem Aufsatz: Zur Zeitbestimmung der Mainzer Römerbrücke. Westd. Zeitschr. II, III, 153 kommt Hammeran nochmals auf seine Behauptung zurück. Da er sachlich nichts Neues bringt, glaube ich von einem wiederholten Eingehen auf die Frage absehen zu sollen.