Aufsatz 
Turnsaal und Exerzierplatz : Eine Untersuchung über die Verschiedenheit militärischer und turnerischer Ausbildung als ein Beitrag zur Methodik des Turnunterrichts / von Hugo Ganz
Entstehung
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Dorbemerkung.

Die nachfolgenden Bemerkungen beanſpruchen nicht, Kennern der Verhältniſſe irgend etwas Neues zu ſagen. Denen aber, die das Spieß'ſche Schulturnen nicht kennen und, im Gegenſatz zu demſelben, einfach das, was ſie als Soldaten im Exercieren und Turnen erlernt haben, als Turnunterricht auf die Schulen übertragen moͤchten, will das Schriftchen entgegentreten und ſie veranlaſſen, ernſter darüber nachzudenken, inwieweit Turnſaal und Exercierplatz identiſch ſind. Die Frage iſt brennend geworden, da die jüngeren Leute, denen an höheren Anſtalten meiſt das Turnen übertragen wird, ihr Dienſtjahr und die militäriſchen Gewöhnungen in der Regel erſt kurz hinter ſich haben und in häufigen üÜbungen immer wieder militäriſch gewöhnt werden. Man hat oft genug Gelegenheit, Außerungen des Unwillens von ihnen darüber zu hören, daß ſie anſcheinend eine und dieſelbe Sache auf zweierlei Arten üben ſollen, daß ihnen, den Lehrern, und ſpäter den Schülern die Militärzeit dadurch nur erſchwert würde. Eine unbefangene Beſprechung der Frage, deren Notwendigkeit mir bei der mir obliegenden Einführung der Seminariſten in den Turnunterricht klar geworden iſt, exiſtiert meines Wiſſens noch nicht; vielleicht giebt der nachfolgende Aufſatz Veranlaſſung zur Diskuſſion oder hilft auch ohne eine ſolche dem einen oder andern zur Klärung in der angeregten Frage. G

I. Der militäriſch⸗geleitete Turnunterricht.

Der wohlgebaute, militäriſch⸗chargierte Probekandidat, oder wie er in Heſſen heißt, Lehramtsacceſſiſt macht ſeinen Antrittsbeſuch bei dem Direktor der Anſtalt, der er überwieſen iſt.Sie haben ſchon ge⸗ dient? ſind wohl auch etwas mit dem Turnen vertraut? lautet nach mehreren anderen die wohlwollende Frage des Direktors. Der Kandidat bejaht.Sie werden alſo wohl in einer oder der anderen Klaſſe den Turnunterricht übernehmen können? Fragend blickt der Kandidat auf. In ſeiner Erinnerung tauchen Bilder auf aus ſchöner Vergangenheit. Ein alter Unterofftzier, vielleicht der Pedell hat ihn in die Geheimniſſe des Turnens eingeführt. Der Primaner, wenn er nicht überhaupt vorzog, ganz auf den Beſuch der Turnſtunde zu verzichten, hat ſich in den Stunden im weſentlichen damit beſchäftigt, den alten hilfloſen Turnlehrer mit verdrehten Fremdwörtern zu vexieren, ihn aufs Glatteis zu führen, wo es ging, und andere Scherze auszuhecken. Aber ſchon unterbricht der Direktor die ſchönen Reminiscenzen. Wir haben nämlich hier keinen beſonderen Turnlehrer am Gymnaſium. Sie werden ſich vielleicht aus Ihrer eigenen Schulzeit erinnern, daß viele dieſer Herrn, namentlich in oberen Klaſſen, mit der Disziplin nicht zurechtkommen können.(Der Kandidat nickt verſtändnisvoll.) Auch aus anderen pädagogiſchen Gründen empfiehlt es ſich, daß ein wiſſenſchaftlicher Lehrer der Anſtalt, am beſten in jeder Klaſſe der Ordinarius, den Turnunterricht übernimmt und ſo ſeinen Schülern auch menſchlich etwas näher kommt. Ein Teil unſerer Ordinarien iſt aber ſchon etwas zu alt, zum Teil auch kränklich und ſo ſind immer

ein paar herrenloſe Turnſtunden zu vergeben. Ein junger Mann wie Sie kann durch einen wohlge⸗ 1*