Aufsatz 
Die Loreleisage II / von Adolf Seyberth
Entstehung
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Tages das Mädchen mit dem Kruge wieder zum Brunnen gekommen, fuhr es erschrocken zurück, denn aus der Tiefe des Wassers schaute ein Antlitz sie an, so hold und freund- lich, wie das eines Engels, und die Erscheinung wiederholte sich ihr bei jedem Gange an den Brunnen. Man untersuchte den Quell und zog aus dem Schlamme heraus das Bild des heiligen Laurentius und brachte es zur Kapelle. Der Brunnen war ein Heil- wasser für viele Leiden.Das Bild war also in den Brunnen gekommen. Die St. Lorenz. kapelle war vor Zeiten ein herrliches Gebäude, der zierliche Thurm trug ein silbernes Glöcklein von wunderhellem, seltsam ergreifendem Klang. Da brach ein Krieg aus, des Heiligen Bild ward vom Feinde in's Wasser geworfen, das Glöcklein von dem ver- folgendem Schwarme in die Tiefe des sumpfigen Baches versenkt, da wo der Finkelweg nahe vorbeiführt. Der Sumpf ist verschwunden, und Niemand weiss mehr die Stelle, wo man das Glöcklein hinab gesenkt hatte. Doch alljährlich in den Tagen des Maies, wenn zu Abend die Betglocken läuten, und in der h. Advenszeit hört man das Läuten des Glöckleins, wie aus weiter, verlorener, Ferne, und es gemahnt uns sein Klang, wie ein Gruss aus längst verschollenen Tagen. Wohl haben sie oft nach dem Glöcklein ge- graben, aber vergeblich. Ein alter Klosterbruder hat aber gesagt, sobald in der Ge- meinde die altererbte Zwietracht zu schwinden beginnt, hebt sich das Glöcklein um einige Fuss und wird endlich am Festtage allgemeiner Versöhnung auf der Oberfläche erscheinen. (Bavaria, Pfalz p. 310.)

Dass in so vielen ähnlichen Sagen Glocken an die Stelle alter Göttinnen getreten und Bilder der Wolken sind, wie denn im Sanscrit ghana Wolke und Glocke zugleich bedeutet, dass ihr Läuten der Donner, ihr Heraufkommen das Hervortreten der lichten Wolke im Frühjahr ist, sehe man bei K. W. 22, 31; K. N. 62. Das Bild im Brunnen, »wie ein Engel«, hat eine gleiche Bedeutung.(Ueber die Engel 1s. Gesenius thesaurus linga. hebr. s. v. cherubim.) So gibt es eine Quelle in Nassau, in der sich zu gewissen Zeiten das Bild einer wunderbar schönen Frau in der auszeichnenden Gestalt der Diana von Ephesus zeigt, einem bei Indogermanen und Semiten häufigen Symbole der Wolke. Die wunderbare Heilkraft des Wassers, die spinnende Alte, die Zeiten des Läutens haben eine deutliche Beziehung auf die Göttin, die hier einst unter dem Name verehrt worden sein mag, der die Veranlassung gab, dem h. Lorenz eine Kapelle zu weihen, während das Volk seine alten Vorstellungen beibehielt. Oder es sind diese an die dem Heiligen bereits gebaute Kirche geknüpft worden. Uebrigens mag hier neben der Göttin der entsprechende Gott gestanden haben, der, glaube ich, auch einen entsprechenden Namen hatte. Denn wenn z. B. der Samstag in Weidenbachs calendarium medii aevi Lavertag heisst, und man in der Oberpfalz sagt:»der Samstag gehört dem alten Gott«, sollte man nicht daraus vermuthen, der alte Gott habe Lauer geheissen, und ibm sei der Samstag geweiht gewesen, wie es der Freitag bekanntlich der Frea(Laura) war. Sollte ferner der Name Laumant und Lasmant ¹) für Januar in dem erwähnten Kalendarium sich

¹) Dass diese Namen hierher gehören, wird sich weiter unten ergeben. G 2