Aufsatz 
Die Loreleisage II / von Adolf Seyberth
Entstehung
Einzelbild herunterladen

10

Die Frage Graesse's, woher wol der Name komme, ist, denke ich, für meine Leser beantwortet. So gab es im Mittelalter in Speier ein Haus Lurlenberg, einen Ritter Lor- lenberg, wie es solche de Verheldenburg(von Frau Hilda, Holda) gab. In der vom Wasser unverletzt vortgetragenen und hier ans Land gestiegenen Heiligen ist unschwer Holda, Lora in ihrem Schiffe und ihrer Burg zu erkennen.

Ebenso ist die Kindergöttin Holda, die die Kinder gibt und nimmt, pflegt und straft, in dem zu sehen, was aus Westfalen Waldbrühl, die Lurleisage, 22 mittheilt.

In der westfälischen Mark spukt die Lora oder das Lorchen noch täglich in der Stadt, wie auf dem Flachlande. Wenn nemlich ein Kind, besonders ein Mädchen, sich unartig geberdet, wenn es schreit, tobt und lärmt und in übler Laune umherpoltert, unterstellen Eltern und Wärterinnen, dass das eigene Kind entrückt sei, dass an dessen Stelle ein gespenstiges Wesen, die Lore oder das Lorchen, welches willkührlich Gestalt, Grösse und Gesichtszüge der Verschwundenen annehmen könne, das Haus belästige und quäle. Wenn später die böse Laune des Kindes nachgelassen hat, erfreut man sich, dass der Quälgeist abgezogen und verschwunden, dass an dessen Stelle die eigene, fromme und sittige Tochter wieder erschienen sei.

Bekanntlich sind in vielen mittelalterlichen und neueren Sagen heidnische und christ- liche Elemente in den manigfaltigsten Arten und Graden der Mischung verbunden, wie es namentlich sehr gründlich und lehrreich von Schade,(die Ursulasage), Rochholz(drei Gaugöttinnen) und Simrock ¹) an vielen Stellen seiner Mythologie nachgewiesen ist. Oft ist geradezu auf einen alten Mythus nur der Name eines Heiligen übertragen, auf eine ganz äusserliche Veranlassung, z. B. der Namensähnlichkeit. Das glaube ich auch in Folgendem zu erkennen.

Aus der Pfalz.

Bei Eschringen steht die St. Lorenzkapelle; in einer Nische hinter dem Altare be- wahrte sie des Heiligen Bild. Unten bei der Mühle sprudelt der Lorenzenborn. Hier lebte vor Zeiten mit ihrer Enkelin eine alte Wittwe. Von dem übernächtigen Spinnen war die Alte fast erblindet. Einmal in später Mitternacht fand ein halb erstarrtes Müt- terlein bei ihr Herberge und Erquickung. Des Morgens bestrich die Fremde der Kranken die Augen und rieth ihr, sich siebenmal des Tages zu waschen mit frischem Wasser aus dem Born bei der Mühle. Die Grossmutter genas, wie durch ein Wunder. Als eines

¹) Er sagt von der Ursulasage p. 108: aber jetzt muss ich sie für mythisch halten, nachdem es zu Tage gekommen(Kessel, St. Ursula und ihre Gesellschaft, Köln 1863, S. 15 und 166), dass ursprünglich nicht Ursula, sondern Pinnosa an der Spitze des Jungfrauenheeres stand. Grade, ddass man sie beseitigte und durch Ursula ersetzte, verräth die Absicht, den heidnischen Ursprung der Legende zu verbergen. Tadelns- werth finden wir daran Nichts. Es that Noth, endlich auch diesen heidnischen Cultus christlich umzubil- den, wie man nach ausdrücklicher Vorschrift des Oberbaupts der Kirche heidnische Tempel in christliche Kirchen umgestaltete.