EPISCHE FORM.
Unser gedicht enthält— und dies müssen wir allen andern erörterungen voraus- schicken— alle volwsmässige poesie: dieselbe haltung im allgemeinen, dieselbe anschauungs- weise, dieselben epischen formeln, welche wir in den einhundert jahr älteren angelsächsischen gedichten Caedmon, Beovulf, Andreas, Elene, Judith, in dem wenig älteren Hildebrands- liede, so wie in dem beinahe zweihundert jahr jüngeren angelsächsischen liede von Byrhtnodhs tode finden, alles diess treffen wir im altsächsischen Héliand eben so wieder an. das werk stammt noch aus der zeit, in welcher dem dichter nicht allein der stoff, sondern auch die art und weise der darstellung unmittelbar von dem leben und der sprache seines volkes dargeboten wurde; die naturgemässesten bezeichnungen waren auch die am meisten dichterischen, und je weniger eigenes der dichter in seine darstellung einmischte, um so gewisser war sein lied des erfolges. was er vernommen und gehört hatte, das erzählte und sang er, nicht was er ersonnen und mühsam erforscht.
So berichtet denn unser dichter im eingange zwar auch, dem anfange des evangeliums des Lucas folgend, dass, wenn auch viele es versucht hätten, das geheimnis auszulegen (reckean that girüni), welches der reiche Christ unter dem menschengeschlechte als eine kundbare heldenthat(maritha) vollendet hatte, doch nur viere dazu seien erwählt worden, die„heiligen himmlischen worte, die gebote gottes“ aufzuschreiben, aber er fügt auch sogleich hinzu: sie sollten das, was sie von Christi kraft, der grossen, geschen und gehört, selzen und singen und sagen. es sollte das evangelium nicht als schrift, als buch, ein für so viele verschlossenes geheimnis, sondern als laute rede und lebendiges wort, als ein fröhlicher gesang von den heldenthaten des reichen himmelskönigs über die erde dahin ziehen, ähnlich den frischen herzbewegenden gesängen von den heldenthaten der könige und helden des volks, welche auch nicht in der, nur den weisesten unter dem volke verstäudlichen schrift, sondern in den herzen und auf den lippen aller volksgenossen lebten. zumal muss hier die formel singen und sagen, als eigenste bezeichnung der mündlichen überlieferung in auschlag kommen; setzen und sagen bezeichnet schon genauer die durch runstäbe vermittelte kunde der alten heldenthaten, vgl. Beov. 3388— 90: thurh rünstafas rihte gemearcod, geseted and gesäd.— so kommt denn auch im laufe des gedichts die berufung auf die schrift nicht wieder vor; es wird vielmehr die altepische formel gifragn(accepi, sciscitando comperi) gebraucht: 8011 so gifragn ik that thö selbo sunu drohltines allaro barno best bilideo sagda(comperi, filium domini, omnium natorum optimum, parabolam dixisse); 9312 par gifragn ik lhat he is gesidos grôtte(comperi, eum salutasse comites suos) und so an sehr vielen orten. ja es werden zur einführung der erzählung auch die umständlicheren formeln gern und oft gebraucht, mit welchen die
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