Aufsatz 
Deutsche Altertümer im Hêliand als Einkleidung der evangelischen Geschichte : Beiträge zur erklärung des altsächsischen Hêliand und zur innern geschichte der einführung des Christentums in Deutschland / von A. F. C. Vilmar
Entstehung
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davon aber, wie das evangelium von dem volke aufgenommen worden ist, wie die send- boten ihre lehre den deutschen hörern nahe gelegt, und wie die volksstämme versucht haben, sich dem evangelium und das evangelium ihrer auschauung gerecht zu machen, ob das volk freude an dem Christentum gehabt oder nicht, ob es an die lehre oder an die person des erlösers sich angeschlossen, davon wissen unsere bücher bis dahin wenig oder nichts zu erzählen. mag denn diese kleine schilderung einstweilen, bis ausführ- licheres und besseres kommt, wenigstens so viel leisten, dass sie zeigt, es sei auch für die innere geschichte der einführung des Christentums in Deutschland noch manche nicht unergiebige quelle aufzuschliessen, und noch viel, wo nicht alles, zu thun übrig, jedenfalls mit der erzählung von der herschaft des römischen stuhls in Deutschland und der be- kehrung der Sachsen durch das blutige schwert des fränkischen Karls nicht alles abgemacht. in unserem gedichte ist weder von römischer hierarchie noch von den Frankenschwertern eine spur zu finden, und doch ist das gedicht den falschen decretalen gleichzeitig, und doch war diemit dem schwerte bekehrtet generation der Sachsen noch nicht ausge- storben, als unser sänger sein lied vom lieben himmelskönige, Gottes friedenskinde, sang.

Diesem eben angegebenen zwecke sollen die folgenden blätter zunächst dienen; schon darum ist die darstellung nur sehr übersichtlich und befasst bei weitem nicht alle einzelheiten, welche untersucht und aufgeführt werden könnten, es würde aber auch ein eingehen auf noch mehr detail den raum, welcher für diese abhandlung gesteckt ist, weit überschritten haben; manches zur verarbeitung bestimmte habe ich weglassen, manches schon eingereihete wieder streichen müssen. findet die wissenschaft der deutschen sprache und altertümer nebenbei das eine und andere für sie brauchbare, so hätte ich ziemlich alles erreicht, was ich wollte. doch nicht alles. es ist die freude an einem gesunden deutschen volksleben, an der alten deutschen königs- und mannentreue, und warum sollte ich es nicht sagen? es ist die eigene freude an dem Herrn, dem könige aller könige, die mich vor funfzehn jahren zum Héliand gezogen und an ihn mit treuer liebe gefesselt hat. das zeugnis des alten säugers von seiner freude, von seines, von meines volkes freude an dem Herrn habe ich weiter tragen wollen, auch zu denen, welche weder kirchengeschichte noch altdeutsche sprache treiben, wol aber an einem kräftigen und zugleich hochpoetischen deutschen zeugnisse von Christus sich erfreuen wollen.

Die deutsche eigentümlichkeit, welche im Héliand hervortritt uhd zur auffassung und einkleidung der evangelischen geschichte verwandt wird, bringe ich unter die rubriken I. Epische form. II. Mythologie. III. Naturanschauung. IV. Gesinnung. V. Sitte, hausleben, besitz und vermögen. VI. Verwandtschaft. VII. Volk und könig. VIII. Krie- gerleben.