Auf den folgenden blättern versuche ich es, eine wenn auch nur sehr übersichtliche darstellung von der eigentümlichen auffassung des evangeliums zu geben, welche dem altsächsischen Heliand zu grunde liegt: es ist das Christeutum im deutschen gewande, eingekleidet in die poesie und sitte eines edlen deutschen stammes, welches uns hier entgegentritt, mit unverkennbarer liebe und treuer hingebung geschildert, mit allem grossen und schönen ausgestattet, was das deutsche volk, das deutsche herz und leben zu geben hatte. es ist ein deutscher Christus, es ist im eigensten sinne unser Christus, unser lieber herr nnd mächtiger volkskönig, welchen die dichtung des volkssängers uns darstellt. eine tiefe befriedigung wehet, wie ein warmer frühlingshauch durch den frisch- grünen wald, durch das ganze gedicht; ein heimatsgefühl von oft wunderbarer stärke und innigkeit bewegt das herz des sängers und ergreift uns spätlebende, wenn wir seinem liede horchen, nicht selten mit unwiderstehlicher gewalt, wie noch in späten jahren den mann die erinnerung an das längstverlassene vaterhaus und an das grab der mutter lebhaft bewegt. zugleich aber ist eine fülle der frischesten regsten bewegung, der leben- digsten thatkraft, der stärksten, festesten, ja stolzesten überzeugung durch das ganze epos ausgegossen, wie sie uns in unserer ganzen poesie kaum, in der christlichen nicht wieder entgegentritt: man sieht es jedem zuge, fast möchte man sagen jeder zeile an, der sänger steht mit seinem glauben und wollen mitten in einer grossen, durch ernsten, kühnen sinn, reine sitte und stolze haltung ausgezeichneten volksgemeinschaft, welche die lebhafte bewegung, die kraft seiner überzeugung und seines willeus, die freude an dem lieben könig und herrn, dem mächtigen Christ, mit ihm theilt. wie die sänger der alten heldensagen singt er seinen volksgenossen nur das was diese selbst bereits wissen und kennen, und woran sie schon längst ihre freude hatten.
Die äussere geschichte der einführung und verbreitung des Christentums in Deutsch-
land hat man oft genug, und doch vielleicht selbst diese noch nicht zureichend, beschrieben; 1


