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Wir könnten vorſtehende Angaben noch mit vielen weiteren, bis kurz vor die Reformation reichenden urkundlichen Nachrichten vermehren, müſſen uns jedoch auf das Geſagte beſchränken*). Aus den vorliegenden Ouellen erſehen wir, daß Wirberg an vielen Orten Hofraithen, Häuſer, Mühlen(bei Ettingshauſen die Sommersmühle und die Kolbenmühle), auch Leibeigene männ⸗ lichen und weiblichen Geſchlechts befeſſen hat 4s). Dennoch ſcheint es keineswegs zu den reichen Klöſtern Heſſens gehört zu haben. Darum mußte im Jahre 1294 Erzbiſchof Gerhard von Mainz die Zahl der Nonnen auf 36 Perſonen einſchränken, cum propter temporis malum statum, wie die Urkunde ſagt, monasterium ad tenuitatem rerum et inopiam sit redactum ⁴⁴). Es ſcheinen nun zwar, wie aus den vielen Güterankäufen zu Ende des 13. und zu Anfang des 14. Jahrhun⸗ derts zu ſchließen iſt, beſſere Zeiten für das Kloſter gekommen zu ſein. Allein zu Anfang des 16. Jahrhunderts war Wirberg, wie aus einer von Würdtwein mitgetheilten Nachricht zu erſehen iſt so), wieder in ärmliche Verhältniſſe gerathen. Es heißt dort in dem Regiſter der Gefälle an die Propſtei Fritzlar vom Jahre 1505: daß dem Kloſter Wirberg„ob preces multorum ac intuitu paupertatis“ die jährliche Abgabe von 32 fl. bis auf 3 fl. jährlich erlaſſen worden ſei. Daß eine Feuersbrunſt, welche nach Ayrmann ¹¹) um die Mitte des 15. Jahrhunderts das Kloſter heimge⸗ ſucht hat, zu ſeinem Herabkommen mitgewirkt habe, iſt nicht unwahrſcheinlich.
VI.
Wir nähern uns dem letzten Abſchnitte der Geſchichte unſeres Kloſters. Zu Ende des 15. Jahrhunderts waren auch die heſſiſchen Klöſter in ſolchen Verfall und zuchtloſen Zuſtand gerathen, daß Landgraf Wilhelm der Jüngere im Jahre 1493 ſich ſelbſt an den päpſtlichen Stuhl wandte und in einem Schreiben 5²) ſich dahin äußerte:„er werde, wenn keine geiſtliche Abhülfe
4**) Eine reiche Ausbeute gewähren die von Herrn Archiodirector Baur neuerdings herausgegebenen Urkun⸗ denſammlungen, in welchen uns das Kloſter Wirberg ſehr oft begegnet.
**) Ein langes Verzeichniß der Orte, wo Wirberg Beſitzungen oder Einkünfte hatte, theilt nach einem alten Hebregiſter der Wirberger Gefälle aus dem Jahre 1453 Ayrmann in ſeiner Nachricht von dem Kloſter Wir⸗ berg mit.
**) Wenck, Urkund. Th. II, S. 237.
³⁰) Würdtwein, Dioec. Mog. T. III, p. 574.
2n) Kuchenbecker, Anal. hass. Coll. VI, p. 445.
*:) Es findet ſich dieſes merkwürdige Actenſtück in der beurk. Nachricht von der Commende Schiffenberg Th. II, Beil. S. 40. Dort heißt es von den heſſiſchen Klöſtern unter Anderem:„Declinasse ad tam abominabilem et bestialem vitam, quod justius scurrilitatum receptacula quam monasteria et domus orationum nuncuparentur!“ Wen wird es wundern, daß nach ſolchen Vorgängen, nach dem Mißlingen aller Reformverſuche von Seiten der Kirche ſelbſt, die Reformation in Heſſen ſo ſchnell Eingang fand? Und dennoch wird ſolchen Thatſachen gegenüber noch in unſeren Tagen die Behauptung laut: die große Kirchenreform ſei von ſelbſtſüchtigen Fürſten ohne allen Grund gemacht und durch ſie ſeien erhaltungswürdige Inſtitutionen der Kirche bedauerlicher Weiſe deplacirt worden! Heſſen trifft eine ſolche Anklage wenigſtens nicht; die heſſiſchen Archive ſind voll von freimüthigen Vor⸗ ſtellungen und Beſchwerden der Landgrafen an Papſt, Cardinäle und Legaten. Wenn alle ihre Klagen nichts fruch⸗ teten, ſo kann es die Nachwelt nur dankbar rühmen, daß den heſſiſchen Fürſten evangeliſcher Glaube und evangeliſche Tugenden mehr galten, als die Satzungen der römiſchen Hierarchie.


