Aufsatz 
Über Meteoriten / von Otto Buchner
Entstehung
Einzelbild herunterladen

5

zeit zu kurz und der abgeſuchte Bezirk zu beſchränkt, ganz abgeſehen von anderen ungünſtigen Umſtänden; wenn wir aber hören, daß dreiunddreißig Jahre nach dem Blanskoer Steinfall unter den aus einem Rodacker auf die Feldraine herausgeworfenen Steinen auch ein Meteorit von 8 Loth gefunden wurde, der zwar ſtark verroſtet war, aber immer noch deutlich die Schmelzrinde zeigte, ſo bleibt immerhin noch die Hoffnung, daß auch von den Meteoriten von Hungen noch einzelne Steine oder Bruchſtücke ge⸗ funden werden können.

Wenn auch die von den verſchiedenen Zeugen am Morgen des 17. Mai 1877 beobachteten Be⸗ gleiterſcheinungen des Falles durchaus nichts Abnormes zeigen und mit denen übereinſtimmen, welche ge⸗ wöhnlich mit einem Meteoritenfall verbunden ſind, ja mit eintöniger Gleichmäßigkeit ſich bei faſt jedem Ereigniß dieſer Art in den Beſchreibungen wiederholen, ſo könnte doch auffallen, daß nicht dabei eine beſondere Lichterſcheinung, ſei es eine wirkliche Feuerkugel, oder auch nur ein blitzartiges Aufleuchten wahrgenommen wurde. Hat ja doch gerade dieſe, den meiſten Meteoritenfällen vorausgehende Licht⸗ erſcheinung veranlaßt, daß man im Volke dieſelbe mit dem Blitz, und die einen Steinregen begleitende heftige Schallerregung mit dem Donner verwechſelte. So entſtand der ſelbſt jetzt noch vielfach verbreitete Aberglaube, bei jedem Blitz müſſe ein Stein, ein Donnerkeil niederfallen. Bekanntlich ſind aber die als Donnerkeile aufbewahrten, eigenthümlich geſtalteten Steine, welche ſelbſt jetzt noch beim Volk zu allerlei abergläubiſchen Zwecken dienen, meiſt uralte Steinwaffen, ſog. Kelte.

Die Feuerkugeln ſind durch ihr plötzliches Erſcheinen bei Tag oder bei Nacht und durch ihre enorme Leuchtkraft zu allen Zeiten als ganz beſondere Merkwürdigkeiten betrachtet und in hiſtoriſcher Zeit auch regiſtrirt worden. In den chineſiſchen Chroniken finden wir Berichte darüber von der Mitte des 7. Jahrh. v. Ch. an, alſo aus einer Zeit, in der Europa noch in tiefſter Barberei verſunken war. Am 2. October 1601 ſchrieb der Pfarrer des Dörfchens Reichenbach im Odenwald in die Pfarrchronik: Horam promerid. intra 4 et 5 meteoron igneum versus montem petrosum(Felsberg bei Darm⸗ ſtadt) delapsum est visum. Und ein einfacher Bauer zu Angersbach im Vogelsberg ſchrieb in ſeine Hauschronik:1752 am 12. März(Lätare) hat ein Zeichen am Himmel geſtanden des Nachmittags zwiſchen 5 und 6 Uhr, gleich als ein Stern ſo groß und auch an Farb wie ein Stern und ſchoß an dem Himmel fort wie ein Stern. Danach wurde dieſer Strahl weißlich wie ein Gewölk und wurde ſchlänglicht am Himmel, aber ſehr hoch und lang und ſtund bis an den Abend. Derartige Mittheilungen von Laien über ſolche Naturerſcheinungen ſind aber zu hunderten aus Zeiten bekannt, ehe die Gelehrten von Profeſſion ſich dazu bequemten, ebenfalls davon Notiz zu nehmen. Was ſie mit eignen Augen ſahen, konnten ſie nicht leugnen, aber namentlich in Frankreich erhielt ſich in der Gelehrtenwelt bis in unſer Jahrhundert die Meinung, es ſei unmöglich, daß aus einer Feuerkugel Steine auf die Erde herabfallen könnten. In Deutſch⸗ land dagegen und etwas ſpäter auch in England war man durch die überzeugenden Thatſachen, die zuerſt E. F. F. Chladni in einer epochemachenden Schrift veröffentlicht hatte, zu einer beſſeren Einſicht gelangt. Jetzt zweifelt kein Menſch mehr an dem Zuſammenhang von Feuerkugeln und Meteorſteinen. Doch ſind auch zahlreiche Meteoritenfälle bekannt, bei welchen ſo wie bei Hungen keine vorausgegangene Lichterſcheinung beobachtet wurde. Oft auch wurde eine Feuerkugel am Fallort der Meteoriten ſelbſt nicht, wohl aber in größerer Entfernung geſehen, oder man hatte doch eine kleine Wolke bemerkt, die plötzlich erſchien und raſch wieder verſchwand. Von allem dem nichts bei Hungen. Der Morgen war abſolut klar und hell, ein Wölkchen hätte am Fallort bemerkt werden müſſen, denn die Zeugen ſuchten danach, ob aber wirklich auch in größerer Entfernung, etwa bis Langsdorf hin oder weiter, nichts derart ſichtbar war, ließ ſich nachträglich nicht mehr feſtſtellen, da etwaige neue Zeugen nicht aufzutreiben waren und die er⸗ wähnten ſich bei directen Fragen nicht mehr genau an die Einzelheiten erinnerten.