31
Der Gram über Sofiens Abſchied hat mich ſtumpf gemacht— ich leide weniger, als ich ſonſt gelitten haben würde. Wenn ihm auch vielleicht bald wohl iſt, ſo ſind doch meine Eltern in der bedauernswürdigſten Lage. Auch ich bin ihnen ein welkes Blatt, das vielleicht bald vom Stamme abfällt.— Sechs Wochen haben 2 glückliche Familien unglücklich gemacht und unaus⸗ ſprechliche Hoffnungen in endloſen Kummer verwandelt. Gott ſchütze Dich und die Deinigen.— Wünſche Erasmus und mir baldige ewige Geneſung und meinen Eltern und Geſchwiſtern Trö⸗ ſtungen von unſichtbaren Lippen.
Karl iſt in Lucklum— er wird beſorgen, daß Du auf Oſtern die Intereſſen erhältſt. Hätteſt Du wohl die Freundſchaft und ſagteſt Agner'n, daß er doch mit dem Advocat Knöfel*) ſprechen möchte und ihm ſagen, daß ich bewandten Umſtänden nach jetzt nicht im Stande wäre, eine Ent⸗ ſchließung zu faſſen. Sobald es mir möglich wäre, würde ich ſelbſt an ihn ſchreiben— doch ließ⸗ ich ihn im voraus bitten, falls der Auftrag der Verwandten noch beſtände, ſich doch genauer in Hubertsburg nach dem facto zu erkundigen. Ich wüßte gewiß, daß ihm da ſo manches anders erſcheinen dürfte, als aus dem Munde eines halbverrückten Menſchen und aus dem Geſichtspunkte zuverläſſig verhetzter Verwandten, da der Superintendent von Grimma, der Pfarrer in Mut⸗ ſchen**) beſonders und die ganze dortige Kirchfahrt ein eigenes Intereſſe hätten, einem Dritten die Laſt aufzubürden. Uebrigens ſei der Mann jetzt wieder mit Stundengeben im Clavier beſchäf⸗
tigt und nur ſuſpendirt. Bleibe der Freund Deines
unglücklichen Freundes Fr. v. Hardenberg.
Zweiter Brief.
Freyberg, den 6ten Febr. 1799. Mein Vater hat mir einen Brief von Dir geſchickt, worin Du ihn um Mittheilung von Nachrichten in Betreff der Wetteraſſecuranz bittet. Du mußt Dich geirrt haben— er hat nie Materialien hierzu geſammelt, und Du haſt ihn, nach ſeiner Vermuthung, gewiſſermaaßen mit mir verwechſelt. Wahrſcheinlich haſt Du von mir darüber reden gehört, und Du haſt vermuth⸗ lich den Namen des Mannes vergeſſen, der in Thüringen einen ſolchen Plan ausgeführt hat. Kaſtendiek heißt er und iſt Pachter in Gebeſſe***).— Mehr davon ſteht im Reichsanzeiger vom Jahre 1795. Der Bürgermeiſter Wiegleb von Tennſtedt wird auch die beſten Nachrichten geben und verſchaffen können. Ich freue mich ſehr Dich zu ſehen und manches mit Dir zu beſprechen. Auf den Freitag über s Tage denk' ich bei Euch zu ſein. Empfiehll mich Deiner Frau und Carlowitz vorzüglich. Allen Uebrigen Gruß. Die Inſtrumente bring' ich mit. Dein Freund und Vetter Hardenberg.
*) Wohnte in Meißen und war ein gern wohllebender, aber braver Mann. **) Städtchen im Leipziger Kreis. ***) Wahrſcheinlich das Städtchen Gebeſee an der Gera.


