Aufsatz 
General Dietrich von Miltitz, sein Leben und sein Wohnsitz : Nebst vier noch ungedruckten Briefen an ihn von Novalis und einem Facsimile von dessen Handschrift / von Adolf Peters
Entstehung
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Rechte und Pflichten des Geſchlechtsoberhauptes ferner. Dieſe Unbeſorgtheit war die Achillesferſe des ſeltenen Mannes. Hiermit iſt aber keineswegs gemeint, daß er nicht übrigens väterlich für alle ſeine Kinder zu ſorgen geſucht hätte. Der Verkauf der Herrſchaft Scharffenberg verfolgte vornehmlich dieſen Zweck.

Dieſer Zug bezeugt noch im höhern Alter dieſelbe Familienliebe, die ſich ſchon im jugend⸗ lichen äußerte, als er der Mutter jenen gefahrvollen Plan, den er lange ſo begeiſtert als ſtand⸗ haft feſthielt, dennoch allmählig opferte. Es wirkte nicht blos der eine Pol eines großen, rein⸗ menſchlichen Charakters, die Freiheit, ſondern auch der andere, die Liebe, mit ungewöhn⸗ licher Stärke in ihm. Reine Menſchenliebe durchdrang all' ſein Empfinden und Handeln, wies Beiden die Bahnen an, und verläugnete ſich bei keinem ſeiner Schritte. Dieſe thätige Menſchen⸗ liebe blieb in ſeinen jüngeren Jahren eine bloß natürlich entſproſſene, weil ſein Gemüth, wie es ſo vielen jungen Herzen geſchieht, von der aufgezwungenen Ueberladung mit den Eindrücken einer beſchränkt religiöſen Sphäre abgeſtoßen wurde. Dietrich von Miltitz wurde daher ein genau den⸗ kender Gelehrter, ein aufgeklärter Philoſoph von chriſtlicher Geſinnung. Erſt in den letzten Jahrzehnten ſeines Lebens ſättigte er ſich an der Milch chriſtlicher Weisheit, ohne der Vernunft zu entſagen. Er ſtudirte beſonders die Kirchenväter, ſein Denken und Empfinden empfing die Weihe des Urchriſtenthumes. Das ernſte Stillleben ſeines Geiſtes ſteigerte ſich immer mehr, er ward immer gleichgültiger gegen die Eitelkeiten und Freuden des Lebens und ſtand endlich da als ein griechiſcher Weltweiſer auf chriſtlicher Höhe. Hatte ächt chriſtlicher Sinn dieſen lautern, wahrheitstreuen Geiſt ſein Leben lang durchdrungen, ſo führte ihn nun der Glaube zur Weisheit und die Weisheit wieder zum Glauben, von beiden Himmelskräften das Beſte in ſeiner Bruſt zurücklaſſend, als Saatkorn der Unſterblichkeit. Und hier iſt die letzte und höchſte Erfüllung ſeines Ideales: Die chriſtliche Verklärung der reinen Menſchlichkeit in natio⸗ naler und individueller Beſtimmtheit.

Bleibt der Grundzug im Gemälde dieſes großartigen Lebens hohe Menſchlichkeit, ſo iſt ſein eigenthümlicher, ſcharf hervorſtechender Ausdruck der Drang nach Freiheit. Man könnte dies Leben eine in That und Wandel umgeſetzte Hymne auf die Freiheit nennen. Freilich tritt auch hier der Freiheitsdrang urſprünglich als Krankheit hervor. Als Charakter der ganzen Zeit erſchüttert er, von innen herausbrechend, die Welttheile deshalb durch eine Kriſis auf Leben und Tod unter den grauenhafteſten Erſcheinungen, weil er ſich einſeitig und ausſchließlich, ohne Rückſicht auf Menſchlichkeit und Volkthümlichkeit, geltend machen will. Noch Napoleon I., die Ausgeburt dieſer Zeit, geht unter, weil er die Nationalität mißachtet. Auch im Herzen unſers Helden erblüht der Freiheitsdrang erſt im Bunde mit der Deutſchheit zu friſcher Geſundheit und ächtem Leben. Nicht ohne Erfüllung ſeiner Sendung ſollte das thatenreiche Leben dieſes Mannes abblühen.

Als der Tod ihn, obgleich nicht ohne vorhergegangne Leiden, doch unerwartet ſchnell(29. Oct. 1853) überraſchte, fand er dieſe reife Seele wohlgerüſtet. Mit chriſtlicher Sehnſucht und der Ruhe des Philoſophen blickte der beinahe 85jährige Pilger voll Zuverſicht der dämmernden Morgenröthe entgegen. Seine letzten Worte waren: Abhorrescit anima custodiam et adspirat libertatem*). 1

*) Die Seele verabſcheut ihren Kerker und ſtrebt zur Freiheit auf. 4*