26
Erhebend iſt die Kraft der Freiheit, womit dieſer ſonſt ſo milde Charakter alles zurückzuwerfen ſucht, was der Verwirklichung der innern Wahrheit ſeines Gemüthes ſich entgegenſtell, die Unbedingtheit, womit er jegliches andre Gut für dieſes in die Schanze zu ſchlagen bereit iſt. Der Kampf iſt groß, den er zu beſtehn hat, aber weder hemmt ihn die Meinung der Menſchen noch Abſtammung, Geburt und Vermögen. Keine Gewohnheit, nichts Anerzogenes iſt ſtark genug, ihn von der Mißachtung oder dem feindlichen Angriffe deſſen zurückzuhalten, was ihm Vorurtheil iſt und gegen das verſtößt, was hohe Menſchlichkeit fordert. Wie hätten die Grundſätze der fran⸗ zöſiſchen Revolution, die bei ihrer erſten Verkündigung jede kühne und freie Mannesbruſt mit den höchſten Idealen erfüllte, z. B. die eines Klopſtock und ſelbſt eines Schiller entflammten, nicht auch ihn, den leidenſchaftlich bewegten, ebenſo unerfahrenen wie thatendurſtigen Jüngling begeiſtern und hinreißen ſollen? Nur Ruhigere und Scharfſichtige ſahen bald„den Mißbrauch raſender Thoren.“ Er aber machte Ernſt und nur die würdige ſtandhafte Mutter erſchütterte mit der höchſten Anſtrengung noch glücklich ſeinen Entſchluß, deſſen Opfer er bei ſeiner Ueberzeugungs⸗ treue ſonſt wahrſcheinlich geworden wäre. Seine Thatkraft war zu Beſſerem aufbehalten.
Das reinmenſchliche, aber noch abſtracte Ideal, das ihn, wie Schiller's Poſa, zu ätheriſchen Höhen hinaufwirbelte, füllte ſich nun von Stufe zu Stufe mit lebendigem Inhalt. Nicht allein der Menſch mit ſeinem Recht und ſeiner Freiheit, ſondern der freie deutſche Menſch wurde ſein Urbild, für das er als Befreiungskämpfer von ächter Römertugend handelte. Wie viel und wie lange er aber auch in dieſer Sphäre wirkte und kämpfte, er blieb nicht ſtehn. Immer mit offenem Auge alles Menſchenweſen betrachtend, als Führer dem Heere eines großen deutſchen Staates und ſpäter der ſächſiſchen Kammer einverleibt, lernte er, wenn auch nur ſehr allmählich, die Bedeutung des Wirklichen wenigſtens im Staate erkennen und für deſſen Vervollkommnung vorurtheils⸗ loſer und geduldiger wirken, aber auch mit dem unbeſtochenen Muthe der Ueberzeugung des Staates Rückſchritte, ſeinen Verfall ſelbſt gegen die Seite hin bekämpfen, auf welcher er ſelbſt zu ſtehen gewohnt war. So freiſinnig er auch dachte, er ſah Anfangs 1849, daß ſich die deutſche Ent⸗ wicklung überſtürze und ſtimmte mit nur noch 12 andern Gliedern der erſten ſächſiſchen Kammer gegen das neue demokratiſche Wahlgeſetz, obgleich ſich drohende Volkshaufen vor dem Landhauſe zuſammenrotteten und ihm Beſchimpfung und Mißhandlung in Ausſicht ſtanden, ſo daß ſein Sohn Georg ſich mit einigen Freunden und Dienern geheim bewaffnet in der Nähe des Landhauſes aufhielt, um den heraustretenden Vater nöthigenfalls zu ſchützen. So beſchämte der 80 jährige gebeugte Greis durch furchtloſes Benehmen manches junge Mitglied der Kammer. Aber ſeine Parthei unterlag, das neue Wahlgeſetz ging durch und bald folgte die Dresdener Mai⸗Revolution.
Hier, im Vaterlande und im Staate, war aber auch die Grenze, bis zu welcher ſich ſein Ideal nach der politiſch⸗ſocialen Richtung hin mit lebendigem Inhalt erfüllen konnte. Weiter abwärts, für Geſchlecht und Familie, war es von dieſer Seite her nicht mehr thätig. Für die Familien⸗Inſtitutionen der Altvordern ging ihm der Sinn ab. Er ſah in ihnen nur Rohheit und Inhumanität und haßte das Feudalweſen mit der Unduldſamkeit eines modernen Demokraten. Ob man nicht das noch Beſtehende dem wahren Wohle des Geſchlechtes und der Nation zugleich entſprechend geſtalten und handhaben könne, mochte er nicht fragen oder verneinte doch dieſe Frage. Oft gerade das, was ihm und den Seinen in perſönlichen Angelegenheiten Vortheil gebracht hätte, verläugnete er großherzig. Ueberhaupt lag dieſem hochſtrebenden Geiſte die Sorge um ſeine irdiſche Wohlfahrt, um die ökonomiſche Pflege der bedeutenden Güter und die Ausübung der praktiſchen


