Aufsatz 
General Dietrich von Miltitz, sein Leben und sein Wohnsitz : Nebst vier noch ungedruckten Briefen an ihn von Novalis und einem Facsimile von dessen Handschrift / von Adolf Peters
Entstehung
Einzelbild herunterladen

25

Herzens, einer Reinheit und Kraft des Gemüthes, die an große Charaktere des Alterthums erinnern. Der Ernſt Herrnhutiſcher Eindrücke und das Studium klaſſiſcher Correctheit und Schönheit zogen ihn frühzeitig von der Frivolität ſeiner Zeit ab und erhielten ihn friſch und geſund in der ſpäter um ſich greifenden Fäulniß. Scheinbar trocken und pedantiſch war Dietrich von Miltitz nichts⸗ deſtoweniger ein lebensvoller, energiſch⸗enthuſiaſtiſcher Geiſt. Allem Höheren verwandt und zuge⸗ wandt, leicht hingeriſſen zu allem Wahren, Edlen und Schönen, verſtand er es, ſeiner Umgebung das Gepräge der Anmuth oder Größe aufzudrücken. In der Dichtung ſuchte er den höchſten Ausdruck deſſen, was ihn beſeelte und machte ſich zuweilen Auszüge oder Abſchriften. Von dem eben ſo ſchönen als gewichtigen Uhland'ſchen Gedichte z. B. .Wenn heut ein Geiſt herniederſtiege

iſt noch eine ſolche von ſeiner Hand erhalten.

Mit dieſer Hinwendung nach der Lichtſeite war eine ebenſo entſchiedene Abwendung von der Schattenſeite verbunden. Jede Rohheit, Gemeinheit und Lüge war ihm widerwärtig und verhaßt, beſonders in den Kreiſen der höheren Geſellſchaft. Aber nie ſuchte er ſich perſönlich geltend zu machen. Die in den letzten Lebensjahren oft in Schwäche ausartende angeborne Milde ſeines Charakters verleitete ihn eher umgekehrt zu allzugroßen Nachgiebigkeiten in Bezug auf ſeinen Stand und deſſen Rechte. Seine hohe Stellung hätte wohl, wenn auch nicht ein eitles Hervor⸗ treten, doch ein kräftigeres Feſthalten an der ihm ſchuldigen Rückſicht gefordert, wo man ſich ſeiner religiöſen, politiſchen oder ſocialen Anſicht auf das Keckſte abſprechend gegenüber ſtellte. Aber ſein gänzlicher Mangel an perſönlicher Eitelkeit, den Männern gegenüber, und ſeine ritter⸗ liche Galanterie gegen die Frauen drückten jeden Ausbruch aufgeregter Gefühle, jede ernſte Zurück⸗ weiſung nieder. Höchſtens ſprach er ſich in ſolchen Fällen durch ungeduldiges Schweigen oder ein bemitleidendes Achſelzucken aus.

Dieſe innere Beſcheidenheit verkündete ſich auch in ſeinem Aeußern. Das Licht der Milde und Güte fiel auf die ausdrucksvollen Züge, die hohe Geſtalt von militairiſcher Haltung. Er war groß und kräftig, vollkommen tadellos gewachſen und mit einer eiſernen Geſundheit und ſchwer aufzureibenden Lebenskraft ausgerüſtet. Der erſte Blick auf ſeine Erſcheinung verrieth die lebendigſte Geiſtigkeit, etwas Muthvolles und Großartiges, in einem Worte den Mann. Seine Perſönlichkeit war angenehm, hatte aber nichts Zuthuliches, er wollte nicht gewinnen, ſondern flößte Achtung ein und ſtand allgemein darin. Als im Frühjahr 1849 einige aufgeregte rohe Geſellen vorſchlugen, nach Siebeneichen zu ziehen, um dort die Fenſter einzuwerfen, rief ihnen die der politiſchen Bewegung nicht abholde Meißner Communalgarde zu:Weun ihr hingeht, kommen wir hinterdrein und jagen euch fort. Ein anderes Mal zogen etwa 20 Handwerksburſchen mit Fahnen vor dem Siebeneichener Schloſſe auf und baten um eine Gabe. Der greiſe General trat hervor und ſagte ihnen, ſie ſeien gar keine Bedürftige, ſondern Tumultuanten und ſollten ſich entfernen; worauf ſie rechtsumkehrt machten.

Um dieſe Charakteriſtik unſeres Helden zu beſchließen und abzurunden, ſtellen wir noch die bewegenden Gedanken ſeines Lebens und ihr Verhältniß zu einander abgeſondert heraus. Als der innerſte Kern dieſer idealiſtiſchen Natur tritt das Reinmenſchliche vor Augen; es in ſich und um ſich zu ſtets höherer Entfaltung zu bringen, iſt ihr unabläſſiges Streben und Ringen. In dieſem Mittelpunkte laufen die Radien aller Thätigkeiten dieſes Mannes zuſammen, von ihm geht die ſelbſtbildende wie die handelnde Hälfte ſeines Lebens aus und kehrt dahin zurück.

4