Aufsatz 
General Dietrich von Miltitz, sein Leben und sein Wohnsitz : Nebst vier noch ungedruckten Briefen an ihn von Novalis und einem Facsimile von dessen Handschrift / von Adolf Peters
Entstehung
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aber dieſe nämliche Vernunft befiehlt uns, ruhig, zufrieden zu ſein und nicht gegen den Strom zu ſchwimmen, weil es nichts hilft, und dieſe nämliche Billigkeit verlangt, daß man nicht Men⸗ ſchen, Geſetze und Gebräuche verurtheilt, zumal, wenn man ſie nicht genau kennt, noch die Lage der Umſtände, die ſie oft wo nothwendig machen, wo ſie in einem andern Lande unnöthig wären. Dein Fehler, lieber Dietrich, iſt von jeher geweſen, zu raſch in Deinen Urtheilen zu ſein; Du läßt Dich entweder für oder gegen eine Sache zu leicht einnehmen. Der geſchwinde Umlauf Deines Blutes iſt die phyſiſche Urſache, die moraliſche, daß Du noch nicht Erfahrung genug haſt und andern Leuten nicht genug glaubſt. Ehe Du nicht eine Sache ſelbſt durchwan⸗ dert, ehe glaubſt Du nicht. So iſt's mit Deinen Studien, mit Deinem Soldatenſtand, mit Deiner Jägerluſt, mit Deinen Huſaren ꝛc. gegangen. Der Hang zur indignation iſt in Deiner Familie, und jedem jungen raſchen Menſchen eigen; nicht nachgeben und tragen iſt die Folge davon, und ein grader Verſtand und gutes Herz macht Deine lebhafte Einbildungskraft Ketten ſehen und Sklaven erſcheinen, wo nur Bande der menſchlichen Geſellſchaft ſind und wo Menſchen entweder aus Bedürfniß oder Pflicht die gewöhnlichen Beſchwerden der Geſchäfte tragen und oft bei dieſem Gefühl glücklicher ſind, als der ſogenanntefreie Mann. Einige Wochen ſpäter ſehn wir die Beſorgniſſe der Mutter noch bedeutend geſteigert. Sie äußert im Briefe vom 5ten Juni 1792:Daß Du voller Projecte biſt und über einem brüteſt, von dem Du im voraus weißt, daß ich ihn nicht approbiren werde, ſehe ich klar, aber auf welcher Seite die Bombe mich treffen wird, muß ich erwarten. Ich bitte Gott, Deinen armen Kopf und Dein unruhig Herz in Seine Cur zu nehmen. Sieh, mein Kind, da ſitzt der Knoten. Du läufſt der Ruhe nach, Du ſuchſt etwas, das Dich glücklich machen kann, Du denkſt es in Deiner Situation zu finden, Du träumſt von dieſem und dem und am Ende findeſt Du's nicht. Dies macht Dich mißmüthig, ennüjirt und launiſch und daraus entſtehen Projecte über Projecte, die Dich verhin⸗ dern, den graden Weg zur wahren Beruhigung zu finden. Ganz glücklich kann der Menſch nie auf dieſer Welt werden, aber ruhig, gelaſſen und zufrieden kannſt Du werden, wenn Du willſt. Aber da mußt Du auf dem ſimpeln Weg der Vernunft bleiben und nicht verſchmähen, den ordinären Gang, der für Dich gebahnt iſt, zu betreten. Dieſer iſt: zu reiſen, Dir Kenntniſſe zu ſammeln, ein ehrlicher und geſitteter Mann zu bleiben, und dann wieder zu kommen, Deine Güter anzunehmen, der Verſorger Deiner Unterthanen zu werden, Dein Herz einer vernünftigen Frau zu ſchenken, Deine Kinder gut zu erziehen und dem allgemeinen Weſen nützlich zu ſein, wo und wie Du kannſt. Dies iſt Deine Beſtimmung und ſeine Beſtimmung zu erfüllen iſt Pflicht, und nur ſeine Pflicht erfüllen kann den ehrlichen Mann glücklich machen. Alles Andre ſind Spinnweben, die zerreißen bei dem kleinſten Winde. Dies macht ſogar den Mann ohne Religion ruhig. Wenn nun das Herz dieſes Mannes geändert wird, wenn er Liebe zu Gott, Dankbarkeit für ſeine Wohlthaten empfindet, wenn er gewiß wird, daß jenes Leben ihn ewig glücklich machen wird: alsdann wird dieſer Mann ſchon hier nicht allein ruhig, ſondern auch vergnügt und glücklich.

Hätte ich meine eigne Ruhe und mein Glück vor Augen, ſo würde ich Himmel und Erde bewegen, Dich zurückzurufen, ich würde Projecte über Projecte machen, Dich hier zu feſſeln, viel⸗ leicht ſäß' eine andre Mutter ſchon auf dem Wagen, um mit ihren eignen Augen zu ſehn, was Du machſt, oder riß' ſich den Kopf ab, wenn ſie ſo eine Präparation zum Tode ihres Sohnes empfangen hätte, wie die iſt, die ich vor Augen habe. Aber Gott hat mir die Kraft gegeben,