Aufsatz 
General Dietrich von Miltitz, sein Leben und sein Wohnsitz : Nebst vier noch ungedruckten Briefen an ihn von Novalis und einem Facsimile von dessen Handschrift / von Adolf Peters
Entstehung
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die Znkunft zu beunruhigen: aber unglücklicher Weiſe ſtellte ſich dieſe Zukunft ſchon am Schluſſe einiger Monate ein. Der Schuhmacher wollte bezahlt ſein und die Schuhe waren ſchon abgetragen, der Schneider überreichte ſeine Rechnung und die Kleider hatten ſchon Flecke, die Modehändlerin erſuchte mich um Geld, und der Florputz, den ſie mir verkauft hatte, war ſchon unſauber. Ein Kaufmann, der mir zuweilen Kupferſtiche brachte, ließ mich ſehr ſchöne ſehen, ich wollte ſie nehmen, aber er war weiſer als ich und führte mir zu Gemüthe, daß man zuvor die früheren bezahlen müſſe, ehe man neue nähme. Ich wurde ſehr verlegen, aber endlich nahm ich meine Zuflucht zu der Landeshauptmann Kammerzofe, die mir ſchon Geld geliehn hatte. Ich fühlte, daß ich mich erniedrigte, indem ich Verbindlichkeiten gegen ein Mädchen einging, das nach der Ordnung der Dinge ſolche Empfindungen für mich hätte haben müſſen, ich ſah wohl, daß ich nach ſolchen Schritten keine weitere Rückſichten von ihr erwarten konnte, aber das Bedürfniß nach Geld machte mich unempfindlich, ich lief zu ihr und beſchwor ſie, mir von Neuem Geld zu borgen. Statt deſſen nahm ſie mich lange in's Gebet, ſagte mir ganz offen, daß es ihr leid ſei, mir ihr Geld gegeben zu haben, daß es alles ſei, was ſie ſeit 10 Dienſtjahren habe ſammeln können, daß ſie auf die Güte meines Herzens gerechnet hätte, die ſie immer ſo ſehr rühmen höre und womit ich ſelbſt ganz wohl zufrieden ſcheine, daß ſie ſich getäuſcht hätte, daß ich entweder eine Leichtſinnige ſei, die nicht weiter ſähe, als ihre Naſe reiche, oder daß ich einen ſehr ſchlechten Charakter hätte, um im Stande zu ſein, meine Fantaſieen auf Koſten Anderer zu befriedigen. Zum Schluſſe gab ſie mir nichts. Urtheile ſelbſt, mein theurer Sohn, welche meine Empfindungen ſein mußten. Herabgewürdigt von einer Kammerzofe, erwartend, vielleicht den nächſten Morgen alle meine Gläubiger wieder kommen zu ſehen, keinen Pfennig in der Taſche dahin war es mit mir gekommen und alles durch meine Schuld. Ich warf mich auf mein Bett, vor Thränen und Schluchzen konnt' ich kein Auge ſchließen, meine Mutter, meine theure Mutter ſtellte ſich mir vor die Seele, ich glaubte ſie zu ſehen, hörte ihre Lehren, denen ich ſo wenig gefolgt war, es ſchien mir, ſie beraube ſich des Nöthigen, um mich anſtändig erſcheinen zu laſſen, ich wollte ihr ſchreiben, aber der Gedanke, ihr Kummer zu machen, verhinderte dieſe Abſicht, ich wollte meinem Bruder beichten: eine falſche Scham hielt mich ab kurz, ich brachte dieſe Nacht und den Morgen zu mit Gedanken, die ſich unter einander verklagen und entſchuldigen, wie St. Paulus ſagt; denn meine Eigenliebe ſäumte nicht, mir ſo viele Entſchuldigungen als nur möglich zu liefern.

Wenige Tage darauf empfing ich eine Einladung zu einer Luſtfahrt auf's Land, es ſollte in Gondeln unter Geigenklang die Elbe hinunter gefahren werden, man wollte in Uebigau tanzen und die Nacht auf den illuminirten Gondeln zur Stadt zurückkehren ich wurde inſtändig gebeten, von der Partie zu ſein, alle junge Leute der Stadt nähmen Theil. Fahrt wohl, Ueber⸗ legungen, Vorwürfe, Vorſätze! Ich ſah nichts, als das allerliebſte Schauſpiel, ich hörte nichts als die Geigen, ich unterſchrieb nichts, als ein Ja aus voller Seele und beſchäftigte mich mit nichts Anderem mehr als meinem Putz. Die Landeshauptmann konnte nicht bei der Partie ſein, ſie vertraute mich einer andern Dame; aber daraus folgte, daß ich ſelbſt meinen Theil bezahlte. Mein Bruder, der wußte, daß ich Geld von meiner Mutter bekam, der es immer in meinen Händen geſehn hatte(ach, er war weit von dem Argwohn entfernt, es ſei das der Kammer⸗ dienerin) bot mir keins an und ich war zu ſtolz, ihn darum zu bitten. Welch ein Widerſpruch iſt das menſchliche Herz! Als ich in meine Kammer zurückkehrte, ging es mir durch den Kopf,