Aufsatz 
General Dietrich von Miltitz, sein Leben und sein Wohnsitz : Nebst vier noch ungedruckten Briefen an ihn von Novalis und einem Facsimile von dessen Handschrift / von Adolf Peters
Entstehung
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groß und kleinen Schulden treten oft Umſtände ein, die man nicht vorausſieht und die recht oft die Wiederbezahlung unmöglich machen, wenigſtens doch allemal verzögern. Und was iſt man alsdann? Allemal ein unglücklicher Menſch, der entweder ſein Gewiſſen noch mehr verletzt, wenn er ſich auf ſchlechte Ränke legt, oder der von den Biſſen ſeines Gewiſſens aufgezehrt wird. Der Schande und Erniedrigung vor Menſchen nicht zu gedenken, die allemal einem ehrlichen Mann unausſtehlich ſind, wenn er fühlt, daß er ſie verdient. Aber darf ich's ſagen, mein guter Sohn, in Deiner Lage haſt Du bei Deinem Schuldenmachen noch mehr als gewöhnlich gefehlt. Du weißt, daß es expreß verboten iſt, den jungen Leuten in Niesky und Barby nicht zu borgen und von ihnen nichts zu erborgen. Du haſt alſo nicht allein ſelbſt gegen dies Ver⸗ bot gehandelt, ſondern auch Andre verleitet, in den nämlichen Fehler zu fallen. Und über dieſen Punkt muß ich Dich bitten, es mit Dir ſelbſt ſcharf zu nehmen. Man kann ſelten in Fehler fallen, ohne Andre mit in den Graben zu ziehen, und wenn man auch das Glück hat, ſelbſt aus demſelben wieder aufzuſtehen, ſo iſt es ſehr ungewiß, ob es ſein Mitgefallener auch kann und man war doch Schuld, daß er fiel. Laß dieſen Gedanken recht lebhaft in Deiner Seele ſein, in der Folge Deines Lebens wirſt Du den Nutzen davon gewahr werden. Ich habe Dir nun alles geſagt, was ich über dieſe Sache auf dem Herzen hatte; ſollteſt Du Luſt haben zu hören, wie ich mir meinen Hang Schulden zu machen abgewöhnt habe, ſo will ich Dir dieſe Hiſtorie ſchreiben, ſo wie ſie noch friſch in meinem Gedächtniß iſt. Du brauchſt mir's nur zu melden, ſo ſoll ſie erſcheinen.

Später ſchickt ſie ihm dann folgende Erzählung aus ihrem Leben, die ich aus dem Franzöſi⸗ ſchen überſetze und überſchreibe:

Die kleine Schuldenmacherin.

Ich verſprach Dir, mein Sohn, Dir eins meiner Erlebniſſe vor Augen zu führen, und erinnere mich, daß es dasjenige war, das Bezug auf Deine jetzige Lage hat. Deshalb rufe ich in mein Gedächtniß zurück, was Dir Theilnahme abgewinnen kann und bin glücklich, wenn ich durch Erzählung meiner Fehltritte Dich vor denjenigen zu bewahren vermag, worin Deine Jugend, Deine Unerfahrenheit und Deine Neigungen Dich verſtricken werden, wenn Du nicht auf Dich Acht haſt und nicht dem Rathe Deiner wahren Freunde folgſt. Ich wende mich von Dir ab, um auf mich zurückzukommen.

Ich war beinahe 15 Jahre alt, als meine Mutter mich Landeshauptmanns(von Schönberg) anvertraute, um die Winter mit ihnen in Dresden zu verleben. Es ſchien ihr angemeſſen, daß ich bei Zeiten in die Welt träte, wenn ich ſie kennen lernen wollte. Meine Eltern waren nicht reich, der Krieg von 62, der jedermann zu Einſchränkungen nöthigte, bedrängte auch ſie, aber die weiſe Sparſamkeit meiner Mutter ließ es uns nie am Nöthigen fehlen; ſie predigte mir durch ihr Beiſpiel, ich geſtand ein, daß ſie Recht habe, ja ſie führte mich zu dem Wunſche, ihr nachzu⸗ ahmen. Aber mein Hang zum Verthun, mein Gefallen am Glanz, die Eitelkeit, mich ſelbſt regieren zu wollen, die Geſellſchaft einiger jungen Mädchen, die ganz ebenſo leichtſinnig waren wie ich: alles dies riß mich hin und machte mir tauſend Verdruß. Ich war in Dresden, ich ging zu Hofe, ich war viel in Geſellſchaft, ich wollte mir nichts verſagen, ich wollte das Beſte von Allem haben, ich kaufte, verfügte, borgte, ohne zu bedenken, daß man etwas haben muß, wenn man verfügen will, und wiedergeben, wenn man leiht. Ich dachte weder an die Lehren meiner Mutter noch an ihr Beiſpiel, ich kümmerte mich um Niemand, ich folgte meinem Sinn, ohne mich über