Aufsatz 
General Dietrich von Miltitz, sein Leben und sein Wohnsitz : Nebst vier noch ungedruckten Briefen an ihn von Novalis und einem Facsimile von dessen Handschrift / von Adolf Peters
Entstehung
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trägt; ich will nicht, daß er einem Seiltänzer nachgehe; aber er muß bei der ohngefähren Erſcheinung eines Pferdes, bei dem Anfall eines Hundes, bei einem ſchwankenden Brette nicht anſtehen, geſchweige erſchrecken. Dies Weſen und Verhalten des Vaters macht die große Liebe des Kindes zu ihm erklärlich. Als das lebensgroße Bildniß des in Ober⸗Italien ſo jung veerſchiedenen Vaters anlangte, ſtürzte ſich der kleine Dietrich darauf, um es als den wirklichen Vater zu umarmen: eine Scene, die in einem Familienbilde aus jener Zeit von Schenau ergreifend dargeſtellt iſt.

Ein ſo ſorgſamer Erzieher von ächt chriſtlich⸗ſittlichem Gehalte der Vater war, eine eben ſolche Erzieherin war in ihrer Weiſe die zurückbleibende Mutter, deren Geſtalt nicht minder im Lichte ſeltner Weisheit glänzt, als die des Vaters, ſie ergänzend und ſpäter vertretend. Henriette Luiſe von Schönberg, geboren 1741 zu Weicha, dem Ritterſitze ihres Vaters, vermählte ſich mit Ernſt Haubold 1765, da ſie ſeit 2 Jahren Fräulein im Stifte Joachimſtein zu Radmeritz war. Vierzehn Jahre ſpäter, nach dem frühen Tode des mit Recht bitter beweinten Gemahles, erhoben ſie die Görlitz'ſchen Stände zur Stiftshofmeiſterin, eine Stelle, die ſie bis zu ihrem Tode 1809 bekleidete. Auch ſie hat ſich ſelbſt durch eigenhändige Niederſchriften charakteriſirt, beſonders durch eine 1770 franzöſiſch geſchriebene Selbſt⸗Biographie, die leider da abbricht, wo ihr die Liebeswerbung des künftigen Gatten überreicht wird. Sie erſcheint als Mädchen geiſtig fein und anmuthig, dabei kühl, den Männern wenig geneigt, doch nicht ohne Eitelkeit, ſich daher in der hohen Geſellſchaft gefallend, ſie aber ſcharf beobachtend und ſehr geſchickt darſtellend. Ihre folgende franzöſich abgefaßte Skizzirung einer Dame, in deren Hauſe ſie längere Zeit verweilte, giebt eine (verdeutſchte) Probe dieſes ausgezeichneten Charakteriſirungstalentes:Die Gräfin G., geb. Gräfin F., war ganz eben ſo lebhaft, ſo feſt in ihren Ideen, ſo wenig eine offene Widerſetzung gewohnt wie mein Vater. Wie man erzählt, verſuchte ihr Gatte zuweilen Recht zu haben, aber es blieb offenbar ein Verſuch. Dieſer Mann war indeß todt und eine 15jährige Wittwenſchaft hatte auch die letzte Vorſtellung einer Unterwerfung verlöſcht. Gleichwohl beügte ſich dieſe unter ihres Gleichen ſo entſchiedene Frau unter die Meinungen, ja unter die geringſten Wünſche eines Kammerdieners. Dieſer war der betrüglichſte und albernſte Menſch unter der Sonne. Mein Vater konnte es nicht lang ertragen, daß eine Frau von Stand von einem Diener betrogen und beherrſcht wurde. Er ließ unbeachtet, daß ſie es ſein wollte. Allerliebſt iſt die Scene, in der die Zeichnerin dieſes Umriſſes ſich ſelbſt als zehnjähriges Mägdlein ſchildert. Ein eitler Oheim überredet die Mutter, ihm die Kleine nach Dresden mitzugeben. Er kleidet ſie glänzend und führt ſie der Geſellſchaft vor.Eines Abends, ſo erzählt ſie aus der Erinnerung,da ich zu dem Oheim kam, wo feſtliches Abendeſſen und große Illumination Statt fand, ward ich in einem großen Wandſpiegel eine ſo prächtig geſchmückte Geſtalt gewahr, daß ich geblendet ſtand und es mich drängte, ſogleich meine Mutter zu fragen, wer dies niedliche Mädchen in dem ſchönen Kleide ſei? Man kann ſich meine Empfindungen denken, als ich erfuhr, ich ſelbſt ſei das hübſche Kind. Und dies feine, mit ſeinem unbewahrten Sinne ſo früh zu den Aeußerlichkeiten des Lebens hingedrängte Mädchen wurde durch Entwicklung der Keime, welche die Natur und die verſtändige liebreiche Mutter in ſie gelegt, allerdings unter der Mitwirkung ernſter, trüber Erleb⸗ niſſe, eine der edelſten, beſonnenſten Mütter, deren behütende Liebe den Sohn überall auf ſeinem Lebenswege begleitete, ohne ihn der Freiheit ſeines Handelns zu berauben, ihn als ſein guter Genius unſichtbar umſchwebte und in einem entſcheidenden Augenblicke von dem Abgrunde zurück⸗