— 15—
regierender Landgraf 12 000 Hessen für den Kampf Englands gegen seine nordamerikanischen Kolonieen unter Bedingungen abtrat, die besonders den Charakter des Handels mit einer Ware an sich trugen, aber wir wollen auch nicht vergessen, dass die übrigen deutschen Staaten im gegebenen Falle sich geradeso verhielten und mancher Fürst gern dasselbe Geschäft abge- schlossen hätte, wenn seine Truppen nur für ebenso brauchbar gegolten hätten wie die hessischen, und vor allen Dingen, dass es erst gewaltsamer Umwälzungen in den europäischen Staaten be- durfte, um den Begriff der Menschenrechte, welcher den meisten Regierenden abhanden ge- kommen war, wieder zur Geltung zu bringen, um den Unterthanen wieder zum Staatsbürger werden zu lassen, um das Wort Friedrichs des Grossen zum Verständnis der Herrscher zu bringen, dass ein Fürst nur der erste Diener seines Staates sein müsse. Wir dürfen unsere hessischen Fürsten nicht für etwas verantwortlich machen, was ihrem Jahrhundert zur Last fällt. Und dass sie bei diesem geachtet dastanden, das beweist ihre Beziehung zu den ver- schiedenen angesehenen Fürsten.
Dem Erbprinzen Friedrich, Karls Sohn, gab Friedrich, der erste König von Preussen, seine Tochter Sophie Dorothea zur Frau und bestellte ihn 1700 zum Statthalter der clevischen Lande; als seine Gemahlin gestorben, erhielt er 1715 die Hand der Erbin der schwedischen Krone, Ulrike Leonore, und infolge dessen später den schwedischen Thron. Wilhelm VIII. erwarb als Jüngling, während er in holländischen Diensten stand, die höchsten Ehren und Würden, und Friedrich der Grosse rief bei der Nachricht vom Tode dieses Fürsten aus: „Deutschland hat seinen würdigsten Fürsten, sein Land einen Vater und ich den treuesten Freund verloren.“ Sein Sohn Friedrich erhielt 1740 die Hand der englischen Königstochter Maria; und als im Jahre 1790 Leopold II. zu Frankfurt gekrönt wurde, stellte er die Feier- lichkeit unter den Schutz der Waffen Wilhelms IX.
Während des siebenjährigen Kriegs konnte Hessen als deutscher Reichsstaat den König Friedrich von Preussen nicht unterstützen, aber es war von nicht geringer Bedeutung für diesen, dass die Landgrafen neutral blieben; hessische Truppen aber fochten auf Preussens Seite in eng- lischem Sold, und bis zu seiner Thronbesteigung im Jahre 1760 nahm der Kronprinz Friedrich in preussischen Diensten an den Feldzügen teil.
Zur Zeit der Revolution in Frankreich sehen wir dann, als von dorther Gefahr für Deutschland droht, Hessen auch wieder bereit zum Schutze der Grenzen. Beim Heereszug in die Champagne, 1792, sind 6000 Hessen unter Anführung ihres Landgrafen, und ihnen fällt bei dem misslungenen Feldzug die Aufgabe zu den Rückzug des Heeres wirksam zu decken. Und wie durch hessische Tapferkeit am 2. Dezember desselben Jahres die Franzosen unter Custine aus Frankfurt vertrieben werden, davon erzählt den kommenden Geschlechtern das einfache Hessendenkmal am Friedberger Thor in jener Stadt.
Nach dem Baseler Frieden von 1795 schloss sich Hessen eng an Preussen an, und so blieb seine Kraft eine Zeit lang dem übrigen Deutschland entzogen. Der Reichsdeputationshaupt- schluss brachte ihm gegen den Verlust der überrheinischen Besitzungen Gewinn an Gebiet und äusserem Glanz; aber dem Rheinbund sich anzuschliessen verschmähte der Kurfürst trotz aller Lockungen. Doch seine bewaffnete Neutralität kostete ihm den Thron und brachte dem Lande jenen Jeréme als Herrscher, zu dessen immer lustigem Leben auf unserem von ihm Napoleons- höhe umgenannten Fürstenschloss im Jahre 1870 der Aufenthalt des gefangenen Kaisers Napoleons III. auf Wilhelmshöhe einen so schroffen Gegensatz bilden sollte.
Als aber nach den Jahren der Erniedrigung das deutsche Volk sich erhob gegen die Dränger, da strömte auch bei uns alles zu den Waffen, und wohl mancher unter uns hat An-


