Aufsatz 
Die Bedeutung von Hessen für die Entwickelung Deutschlands : Festrede für den 22. März 1876 / gehalten von Oberlehrer Dr. Wittich
Entstehung
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Schwester des grossen Kurfürsten von Brandenburg, l[die für ihren Sohn Wilhelm VII., der in seinem 19. Jahre starb, von 1663 70 und dann noch für den Landgrafen Karl bis 1677 die Regierung führte] und der Landgraf Karl selbst traten mit dem grossen Kurfürsten zum Schutz des Reiches ein; 1682 schloss auf Karls Veranlassung der fränkische und der oberrheinische Kreis ein Schutzbündnis, dem auch der Kaiser beitrat, 1683 sendete Karl als Direktor des oberrheinischen Kreises Truppen zum Entsatze von Wien, das freilich zwei Tage vor Karls eigner Ankunft bereits gerettet war, und ein Teil dieser Truppen wurde dann zur Verfolgung der Türken in Ungarn verwendet. Den Spaniern gab Karl ein nicht unbedeutendes Heer in Sold zur Verteidigung der Niederlande gegen Frankreich, und als Ludwig XIV. dann ver- suchte den Landgrafen auf seine Seite zu ziehen, da nötigte ihm dessen gerade, abweisende Antwort die anerkennenden Worte ab: Wahrlich, dieser Fürst antwortet wie ein König.

Vier Jahre nach dem Ende des Reunionskrieges, in welchem Strassburg, das nun wiedergewonnene, für 1890 Jahre dem Reiche verloren ging, im Jahre 1688, brachen die wilden Horden der Welschen in die Pfalz ein; da war es Landgraf Karl, der Frankfurt und Coblenz schützte und vor gleichem Schicksal bewahrte wie die blühenden Ufer des Oberrheins. Nach- dem er darauf in Magdeburg persönlich mit Sachsen, Brandenburg und Hannover Verab- redungen getroffen, die ihm Hilfstruppen zuführen sollten, eroberte er mit Karl von Lothringen das von den Franzosen genommene Mainz wieder, schickte Truppen zum Entsatz von Heidel- berg und zwang die Franzosen die Belagerung von Lüttich aufzuheben. Die hessische Festung Rheinfels wurde nach heldenmütigster Verteidigung gegen den Marschall Tallard durch Karl gerettet, bei Namur und Brüssel kämpften die Hessen mit.

Als der Ausbruch des spanischen Erbfolgekrieges drohte, versuchte Frankreich es wieder, Hessen für ein Bündnis zu gewinnen, aber Karl blieb dem Reiche treu, und wieder fochten 9000 Hessen gegen Frankreich, in holländischem Solde. Zwei Prinzen, Karl und Ludwig, liessen ihr Blut gegen den Erbfeind, Karl, der bei Lüttich verwundet war, 1702, Ludwig in der Schlacht bei Ramillies, 1706; und der Erbprinz Friedrich focht rühmlichst mit in Italien und den Niederlanden, in Deutschland und Frankreich. Bei der Belagerung von Namur, 16905, hatte derselbe sich so ausgezeichnet, dass ihn Wilhelm III. von England zum Generalmajor ernannte, bei Höchstädt, 1704, trug er mit den Seinen wesentlich zum Siege bei, und hier war es, wo der Generaladjutant desselben, Oberstlieutnant von Boyneburg, den Marschall Tallard, den wir schon von Rheinfels her kennen, gefangen nahm. Revanche pour Speierbach, die Worte, mit welchen Friedrich dem gefangenen Marschall nach der Begrüssung: Ah monsieur le maréchal, vous étes le très bien venu, seine Freude darüber aussprach, dass jetzt die Scharte ausgewetzt sei, die ihm dieser im Jahre vorher am Speierbach beigebracht, Revanche für Speierbach ist noch heute in Hessen sprichwörtliche Redensart.

Auch Wilhelm, der für seinen Bruder Friedrich, den König von Schweden, bis zu dessen Tode, 1751, Statthalter war und dann noch bis 1760 als Landgraf regierte, focht tapfer mit bei OQudenarde und Malplaquet und erwarb sich die höchste Anerkennung von Eugen und Marlborough.

In allen diesen Schlachten waren die hessischen Truppen, deren Tapferkeit stets hoch gestanden hatte, auch ganz besonders kampfgeübt geworden, und so kam es, dass andere Mächte gern dieselhen in ihre Dienste nahmen. Wir können den Verkauf hessischer Landes- kinder, vor allem da, wo es keine deutschen Interessen galt, wie dies doch z. B. im Kampf der Holländer gegen Frankreich der Fall war, nicht rechtfertigen; wir wollen es nicht loben, dass den Venetianern 1688 Truppen zum Kampf wider die Türken überlassen wurden, dass Wilhelms VIII. Sohn Friedrich hessische Krieger in englischem Solde gegen den Stuart Karl Eduard bei Culloden im Jahre 1746 führte, und namentlich, dass der letztgenannte Fürst als.