Aufsatz 
Die Bedeutung von Hessen für die Entwickelung Deutschlands : Festrede für den 22. März 1876 / gehalten von Oberlehrer Dr. Wittich
Entstehung
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Und wie Philipp stets für die Erhaltung der Einheit in der protestantischen Kirche gewirkt hatte, so hielten es auch seine Nachfolger. Wilhelm IV., sein Sohn, erklärte sich gegen das Torgauische Buch und die zu Kloster Bergen festgesetzte Konkordienformel, in welcher das starre Luthertum sich gegen jede freiere Auffassung der evangelischen Wahrheit abschloss, er suchte dem Wirken der Jesuiten entgegenzutreten, er unterstützte den Grafen Wilhelm von Oranien, den Hort der niederländischen Protestanten, mit Geld und Mannschaft, er nahm sich der Hugenotten in Frankreich durch Fürsprache beim Hofe wie durch thatkräftige Unterstützung Heinrichs von Navarra an, er empfahl Heinrich III. die Sicherung der Rechte der Hugenotten als einziges Mittel zum Frieden und sendete Heinrich IV. wiederum Geld und Hilfstruppen, als dieser seine Anerkennung als König erzwingen musste. Landgraf Moritz versuchte wieder das in Oberhessen während dessen Abtrennung zur Geltung gekommene sich abschliessende Luther- tum durch besondere Bestimmungen mit der hessisch reformierten Kirche zu vereinen, ein Versuch freilich, in dem viele nur versteckten Kalvinismus erblickten; und denselben Zweck verfolgte der von der Casseler Synode auf seine Veranlassung im Jahre 1607 festgestellte hessische Landeskatechismus.

Als dann bei den Katholiken die Bestrebungen zur Bekämpfung und Niederwerfung des Protestantismus sich mehrten, da trat auch Hessen der protestantischen Union bei, und wie gefürchtet dieser Gegner am östreichischen Hofe war, das zeigt die Feindschaft desselben gegen Moritz, die sich auf alle Weise fühlbar machte, und nach einem vergeblichen Versuch des durch viele Misserfolge seiner besten Bestrebungen niedergebeugten Moritz seinem Lande die Neu- tralität zu wahren, während dessen das Volk mehr als einmal gegen den auf ihm lastenden Druck der Tillyschen und Wallensteinschen Horden mit bewaffneter Hand sich erhob, hat Hessen im ganzen weiteren Verlauf des furchtbaren 30 jährigen Krieges, in welchem es den Habsburgern die Niederwerfung des Protestantismus galt, stets treu zur Fahne der für Religionsfreiheit Kämpfenden gestanden. Wilhelm V., der Standhafte, war der erste deutsche Fürst, der sich Gustav Adolf von Schweden rückhaltlos anschloss; bei Nürnberg wie bei Lützen fochten die Hessen mit in den Reihen des Schwedenkönigs; 1636, als Sachsen schon seinen Frieden mit dem Kaiser geschlossen hatte, entsetzte der Landgraf das von dem kaiserlichen General Lamboi belagerte Hanau noch heute feiert man dort alljährlich das Lamboifest und nach Wilhelms frühem Tode setzte seine Gemahlin, Amalie Elisabeth von Hanau-Münzenberg, den Kampf fort, entschlossen, trotz ihrer eigenen Not, die Sache der Protestanten nicht aufzugeben, wobei das Volk ihr und ihrem Sohne Wilhelm VI. treu zur Seite stand, und so konnte endlich im west- fälischen Frieden der Protestantismus, auch die Kalvinisten, das Zugeständnis gleicher Rechte mit dem Katholicismus wieder erlangen.

Die vom Landgrafen Wilhelm VI. im Jahre 1657 gegebene Kirchenordnung verfolgte dann wieder den Zweck auf friedlichem Wege für die Stärkung der evangelischen Kirche durch Ausgleichung der Gegensätze zwischen den beiden Hauptkonfessionen derselben zu sorgen, und das Religionsgespräch zu Cassel vom Jahre 1661 kam zu dem Ergebnis,dass Lutheraner und Reformierte einander als Glieder derselben wahrhaft katholischen Kirche, als Genossen des wahren seligmachenden Glaubens und als Miterben der Seligkeit ansehen sollten, aber im übrigen protestantischen Deutschland verdammte man solche angebliche Lauheit im Glauben, und selbst in Hessen wurde nach Wilhelms im Jahre 1663 erfolgtem Tode den Reformierten durch die Landgräfin Hedwig Sophie wieder der Vorzug gegeben. Nie aber wurde die hessische Kirche ihren alten Traditionen untreu, festzustehen gegen den Katholicismus und sich frei zu halten von totem Formelwesen. Als Wilhelm VIII. erfuhr, dass sein Sohn Friedrich, der spätere Landgraf Friedrich II., zur katholischen Kirche übergetrèten sei, sicherte er sein Volk und seine Enkel