— 10—
mation sprachen; und von nun an liess es der Landgraf sich angelegen sein, diese Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse auf alle Weise zum Besten zu fördern. Er suchte die verschiedenen reformatorischen Parteien zu einen, indem er Luther und Zwingli mit ihren bedeutendsten Genossen auf Michaelis 1529 zum Marburger Religionsgespräch lud, und, als seine Absicht unerreicht geblieben war, da sorgte er dafür, dass wenigstens in Hessen die reformierte Kirche nicht sofort den Keim neuer Zwietracht in zu scharf zugespitzte Bekenntnisformeln legte. Was für Preussen Friedrich Wilhelm III. im Jahre 1817 durch Stiftung der evangelischen Union erreichen wollte, das ist eigentlich in der hessischen reformierten Kirche von Anfang an gegeben, die Duldung gegen Andersdenkende, wenn sie sich nur mit ihnen eins weiss im Festhalten an dem Prinzip der Reformation, dass es keines geistlichen Standes bedürfe zur Vermittelung des Menschen mit Gott, dass jeder selbst sein Priester sein könne, dass nicht das starre Haften an einer Formel, sondern der lebendige Glaube, der nur im Vorhandensein der Liebe erkannt wird, die Grundlage der Versöhnung mit Gott sei. Auf Philipps Betreiben wurde daher auch im Jahre 1536 durch Martin Bucer in der Wittenberger Konkordie der Versuch gemacht eine Annäherung und Ver- ständigung zwischen Luther und den Schweizern herbeizuführen, und gern und mit den besten Hoffnungen auf Einigung aller Deutschen in religiöser Beziehung nahm der Landgraf an dem Religionsgespräch zu Regensburg im Jahr 1541 teil, das freilich seinen Zweck nicht erreichte. Er nahm auch später, als die Gegensätze zwischen Kalvinismus und ausschliessendem Luthertum immer stärker hervortraten, stets eine vermittelnde Stellung ein, und noch in seinem Testamente empfahl er seinen Söhnen christliche Duldung.
Freilich gegen die Missdeutungen christlicher Freiheit, wie sie in den Bestrebungen der Wiedertäufer zu Tage traten, hielt auch er es für nõtig, das Schwert zu ziehen, und bei Franken- hausen wie vor Münster half hessische Tapferkeit den Sieg gewinnen, bei Münster nicht ohne dass Philipp vorher mehrere vergebliche Versuche gemacht durch ernstliche Abmahnungsschreiben die Schwärmer zur Besinnung zu bringen.
Auch gegen die katholischen Reichsstände samt dem Kaiser war Philipp bereit seine Sache mit dem Schwert zu verteidigen, und so war er es, der den schmalkaldischen Bund unter den protestantischen Fürsten im Jahre 1531 stiftete, war er es, der, nachdem er auf mehreren Reichstagen vergeblich für den vertriebenen Herzog Ulrich von Württemberg zu wirken gesucht, ja, auf dem Reichstage zu Augsburg, selbst seine Kniee für den Herzog umsonst vor dem Kaiser gebeugt, den Vertriebenen mit Waffengewalt wieder in sein Land einsetzte, eine That, die ihm den Beinamen des Grossmütigen verschaffte und durch die er auch Schwaben für die Re- formation gewann. Als freilich ein bewaffneter Schutz des Protestantismus dem Kaiser gegenüber Erfolg hätte haben können, da liess Philipp, dem es doch schwer wurde, gegen den Kaiser ins Feld zu ziehen, die beste Zeit durch Rechtsverwahrungen verstreichen und zog sich, als der Kurfürst von Sachsen in sein Land zu dessen Wiedergewinnung eilen musste, ebenfalls zur Ver- teidigung seiner Grenzen nach Hessen zurück. Und wie schwer musste der Landgraf sein Vertrauen auf des Kaisers Gnade büssen, als er in Halle sich vor demselben demütigte! Aber mit seiner hinterlistigen Gefangennehmung ging der Protestantismus in Hessen nicht zu Grunde; so sehr das Volk dem gefangenen Landgrafen seine Treue erwies, gegen das Augsburger Interim, die Verfügung des Kaisers, welche eine äusserliche Einigung der Religionsparteien erzwingen wollte, deren Annahme Philipp aus seiner Haft empfahl, erhob es sich einmütig, und gerade die längere Dauer der Gefangenschaft Philipps führte den neuen Kurfürsten, Moritz von Sachsen, des Land- grafen Schwiegersohn, der Sache der Protestanten wieder zu, so dass diese endlich im Passauer Vertrag und im Augsburger Religionsfrieden Gleichstellung mit den Katholiken in allen bürgerlichen Rechten und freie Religionsübung zugestanden erhielten.


