Aufsatz 
Die Bedeutung von Hessen für die Entwickelung Deutschlands : Festrede für den 22. März 1876 / gehalten von Oberlehrer Dr. Wittich
Entstehung
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Stumpfheit oder Unempfindlichkeit erscheint, die aber nie so weit geht, dass der Deutsche seine besten Güter sich rauben lässt, sondern nur wieder als nachhaltige Kraft zur Bekämpfung des Unterdrückers sich äussert, wenn sie erst einmal ihre Grenzen gefunden, sobald sich jener an dem heiligsten Besitz der Nation zu vergreifen gewagt hat.

So sehen wir denn auch Hessen immer unter den Ersten im Kampfe gegen jeglichen Druck, auf kirchlichem sowohl wie auf staatlichem Gebiet, gegen Feinde des Reichs im Innern wie gegen die äusseren.

Stets hat es den Priestern nahe gelegen, wie wir das in der Geschichte fast eines jeden Volkes beobachten können, aus geistlichen Beratern des Volkes zu geistlichen Herrschern sich aufzu- schwingen, die auch ein gut Stück weltlicher Herrschaft, wo sie zu gewinnen war, nicht verschmähten. Und das feingegliederte hierarchische System, welches in dem Bischof von Rom seine Spitze findet, hat es immer besonders gut verstanden, seine Macht zu vergrössern, wo ihm nicht eifriger und dauerhafter Widerstand entgegen gestellt wurde. Auch das Hessenland hat sich, zuerst oft mit dem blanken Schwert, später hauptsächlich mit den Waffen des Geistes, gegen all solche Herrschaftsgelüste geistlicher Gebieter gewehrt.

Wie sich schon früh das Streben nach Freiheit Luft zu machen sucht gegen geistliche Be- drückung, das beweisen uns die Ketzerverbrennungen, welche Konrad von Marburg, der mächtige Beichtvater der heiligen Elisabeth, vornehmen liess, wonach in Marburg der kleine von Marbach herkommende Zufluss der Lahn heute noch die Ketzerbach heisst, und wir können es begreifen, dass die Erbitterung gegen diesen Wüterich, der in Marburg allein gegen 80 Menschen dem Feuertode überlieferte, den Bedrückten endlich das Schwert in die Hand gab, dass sie ihn im Jahre 1233 erschlugen.

Als dann das Hessenland im Jahre 1247 in dem Enkel der heiligen Elisabeth, dem vier- jährigen Heinrich von Brabant, sich einen selbständigen Herrn gesetzt, da kam es bald zum Streite mit dem Erzbistum Mainz, das selbst gern immer mehr von dem Gebiete des Landes sich angeeignet hätte; und Heinrichs Mutter, die tapfere Sophie von Brabant, den unmündigen Fürsten selbst und ihre Helfer traf der Bann, das Land, welches ihnen gehuldigt, das Interdikt, Massregeln, die erst 1263 beim Friedensschluss zurückgenommen wurden. Da aber Heinrich zur selbständigen Regierung gekommen war, gaben bald Streitigkeiten über die Gerichtsbarkeit Anlass zu neuen Kämpfen, in denen die Bischöfe oft auch wieder von ihren geistlichen Waffen Gebrauch machten, der Sieg manchmal schwankte, aber der ausharrende Widerstand des Volkes gegen die geistlichen Ubergriffe dem Landgrafen schliesslich zum Rechte verhalf. Bann und Interdikt traf 1273 wieder Heinrich I. und sein Land, Rudolf von Habsburg sprach die Acht über ihn aus, aber die tapfere Unterstützung des Königs gegen Ottokar von Böhmen befreite den Landgrafen von der Reichsacht, und als er alle Männer in Hessen, die nur imstande wären ein Schwert oder einen Stecken zu tragen, gegen den Mainzer aufgeboten, da sah sich dieser genötigt den Bann von ihm zu nehmen und zuzugestehen, dass hinfort kein Laie im Lande in weltlichen Sachen mehr zur Aburteilung vor die geistlichen Gerichte geladen werden könnte. Schon unter Heinrichs Sohn, Otto, kam es zu neuen Kämpfen mit Mainz, in denen auch der Kaiser, Ludwig der Baier, auf die Seite des Landgrafen trat. Ottos Sohn Heinrich schlug 1328 den Mainzer bei Wetzlar und sicherte sich dadurch den Besitz seines Landes, musste aber noch mehrmals das Schwert gegen denselben Feind ziehen; und sein Nachfolger, Hermann der Gelehrte, der selbst ursprünglich dem geistlichen Stande angehört hatte, wurde von mehreren seiner früheren Standesgenossen, von dem heimlich zum Sternerbund gehörigen Abt von Hersfeld wie vom Mainzer und vom Kölner Erzbischof, bekämpft. Gegen den ersteren unterstützte ihn die Treue der Bürger von Hersfeld selbst; sie vereitelten rechtzeitig und bestraften auch die geplante Rache