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Und ist es nicht auch echte Frömmigkeit, die sich eben in der Bruderliebe offenbart, wenn sich stets bei uns bei jedem Aufruf zur Unterstützung eines Unglücklichen mildthätige Herzen in Menge finden wie kaum anderswo?
Wie aber der Hesse immer ein warmes Gemütsleben hatte, so war er auch nicht un- thätig auf dem Gebiete des Geistes. Künste und Wissenschaften sind stets bei uns eifrig ge- pflegt worden, das zeigt die Sorge für unsere Schulen, das beweisen Kunstwerke und Sammlungen von solchen mancherlei Art, dafür sprechen die Namen bedeutender Männer.
Ist kein Landgraf von Hessen da? so fragten die deutschen Kaiser bei ihrer Krönung, wenn sie den Preis der Gelehrsamkeit, den Doktorhut, verleihen wollten. Hermann der Ge- lehrte, Philipp der Grossmütige, Wilhelm der Weise, Moritz der Gelehrte waren aufs tüchtigste in den Wissenschaften gebildet.
Als die Klöster, welche anfangs Träger der Bildung gewesen waren, dieser Aufgabe nicht mehr genügten, berief Landgraf Ludwig I., der Friedfertige, im Jahre 1454 die Brüder vom gemeinsamen Leben oder die Kugelherrn in sein Land, die hier in Cassel im weissen Hofe ihren Sitz erhielten, damit sie den Unterricht heben sollten, und im Anfang des folgenden Jahrhunderts bekleideten vier Casseler Bürgersöhne die Stellen von Kanzlern an vier Fürsten- höfen. Erwähnt ist schon die Errichtung der Universität Marburg im Jahre 1527, der ersten evangelischen Universität Deutschlands, die gar manchen tüchtigen Mann gebildet hat. Wilhelm IV. war selbst sehr erfahren in der Sternkunde und stand mit dem berühmten Tycho de Brahe in nahen Beziehungen. NMoritz der Gelehrte gründete eine Hofschule, die 1618 in eine Ritterakademie verwandelt wurde, und erliess in diesem Jahre auch für die niederen Schulen eine Schulordnung, welche der grossen Unähnlichkeit und Ungleichheit der hessischen Schulen in der Lehre und Unterrichtung der Jugend abhelfen sollte. Als Marburg dann an die Linie Hessen-Darmstadt gekommen war, errichtete Wilhelm V. in Cassel eine Hochschule, die nur so lange bestand, bis Marburg wieder zum Land gehôörte. Wilhelm VI. unterstützte die beiden hessischen Gymnasien in Marburg und Hersfeld aufs reichlichste und suchte durch eine Unter- schulordnung von 1656 die Volksbildung zu fördern und zu heben. Landgraf Karl gründete im Collegium Carolinum eine Anstalt, welche eine höhere Ausbildung besonders für das praktische Leben geben sollte. Er nahm auch den aus Preussen ausgewiesenen Philosophen und Mathematiker Christian Wolff auf, der dann 17 Jahre in Marburg thätig war, und unter Karls Regierung machte der Marburger Professor Dionysius Papin, der Erfinder des Dampfkochtopfs, den ersten Versuch mit einem Schiffe ohne Segel und Ruder, bloss mit Rädern, auf der Fulda zu fahren, einen Versuch, der freilich durch Platzen des Dampfkessels missglückte. Friedrich II. gründete 1779 in Cassel das Lyceum Fridericianum, das 1835 zum Gymnasium wurde, setzte 1783 ein Schullehrerseminar damit in Verbindung, erweiterte das Collegium Carolinum zu einer polytechnischen Hochschule, richtete eine Kriegsschule ein und stiftete eine Maler- und Bild- hauerakademie.
Infolge dessen ist denn auch die Bildung des Volks wie der höheren Stände in Hessen niemals eine geringe gewesen; der Prozentsatz der Soldaten aus Hessen, welche nicht lesen oder schreiben konnten, stellte sich stets sehr niedrig, und Hessen waren als Beamte jeder Art in allen Staaten Deutschlands immer gern gesehen.
Dichter und Redner hat unser Land nur wenige geboren; der Hesse ist wortkarg, und unsere Phantasie ist weniger eine schaffende als eine erhaltende. Von Cassel namentlich sagt Franz Dingelstedt, dass es nur einen Dichter zur Welt gebracht, Ernst Koch, den Verfasser des Prinz Rosa Stramin, und auch diesen nur zufâllig; aber die vielen schönen Märchen, die Träger


