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der Hessen, der sie freilich auch blind in ihr Verderben rennen liess! Emmerich, Sternberg und Hasserode sanken auf dem Forst unter den Kugeln der fränkischen Schergen.
Und nicht minder treu als jener Eckbrecht von Grifte, als Heinz von Lüder, da sie selbst gegen das Gebot ihres unfreien Herrn das Wohl des Landes wahrten, handelten jene hessischen Staatsdiener und Offiziere, die, mit wenigen Ausnahmen, dem letzten Kurfürsten den Gehorsam verweigerten, als dieser, verleitet von seinem gewaltthäâtigen Minister Hassenpflug, im September 1850 die Verfassung des Landes umstürzte. Und da im Laufe der kommenden jJahre die Regierung von Hessen nur alles that, die alten Rechte des Landes niederzutreten und jedem Streben nach innerer Freiheit, die uns einem freien deutschen Reiche entgegenführen konnte, hindernd in den Weg zu treten, so kann man sich nicht wundern, dass es dem Lande nicht schwer wurde, vom Jahre 1866 an einen Fürsten zu entbehren, der Hessen unter Ostreichs Schutz nur der unberechenbarsten Herrscherwillkür aufs neue entgegenzuführen drohte und dessen Nachkommen doch niemals Anspruch auf die Erbfolge in Hessen erheben konnten, dass vielmehr das Volk sich treu dem neuen Herrscher, dem Hohenzollern, anschloss, der Deutsch- land wieder zu Ehren bringen sollte.
Neben dieser Treue gegen Fürst und Vaterland zeigt sich auch stets im Volke echte Frömmigkeit, die treu festhält an dem, was sie als Wahrheit erkannt zu haben glaubt, sich aber auch besserer Erkenntnis nicht verschliesst, wo sich diese aufdrängt; die sich fern hält von Russerlichkeit und Formelkram und ihre rechte Bethätigung sucht in der Erfüllung der Pflichten gegen die Nebenmenschen, im einzelnen wie in ihrer Gesamtheit, der Gemeinde, dem Staate. Stets war es dem deutschen Geiste zuwider, in der Verrichtung âusserer Gebräuche das Wesen des Gottesdienstes zu erblicken: Die Gnade Wodans erwirbt sich, wer tapfer kämpft, Donars Segen wird dem arbeitenden Landmann zu teil, und Hulda spinnt nur den fleissigen Mâdchen die Spule voll, den faulen aber zündet sie den Rocken an und verwirrt das Gespinst. Und als das Christentum Eingang gefunden, da werden die Klöster zu Amöneburg und Fritzlar, zu Fulda und Hersfeld Pflanzstätten der Bildung und Gesittung für viele, Orte des Schutzes und der Unterstützung für Arme und Kranke. Da aber die Reformation die dieser ursprüng- lichen Aufgabe untreu gewordenen Anstalten aufhebt, widmet sie deren Einkünfte wieder dem früheren edlen Zweck werkthäâtiger Sorge für das geistige und leibliche Wohl der Mitmenschen, indem Philipp mit dem Vermõgen der meisten die Universität Marburg reichlich ausstattet, zwei, Wetter und Kaufungen, zu Versorgungsanstalten für arme Glieder des Adels macht, zwei, Haina und Merxhausen, zu Stätten der Barmherzigkeit für Kranke jeder Art einrichtet. Mussten doch selbst die kaiserlichen Kommissare, welche gesandt waren, die Rückgabe von Haina an den Abt zu verlangen, schweigend sich mit Heinz von Lüder einverstanden erklären, als ihnen dieser die neuen Insassen des Klosters in langen Reihen vorführte und sie fragte:„Möget Ihr es wohl vor Gott an jenem Tage verantworten, wenn ihr diese armen, hilflosen Menschen von neuem ins Elend treibt und dagegen faule, zänkische, durch ihr unnützes, schwelgerisches Leben nur Argernis gebende Mönche wieder hierher zurückführt?e
Als Ludwig XIV. die Hugenotten verfolgte und endlich auch, im Jahr 1685, das Edikt von Nantes aufhob, da fanden viele Hunderte französischer Flüchtlinge, wie zur selben Zeit in Brandenburg, so auch in Hessen eine Zufluchtsstätte. Die Oberneustadt liess damals Landgraf Karl erbauen, und 28 Kolonieen wurden im Lande gegründet. Als 1731 und 32 die Salzburger Protestanten, aus ihrer Heimat vertrieben, durch das Land zogen, um in Preussen Aufnahme zu finden, da unterstützte sie Landgraf Friedrich I. freigebig mit seiner eignen Kasse, und das Land that das Seine durch eine reichliche Kollekte wie durch Einzelhilfe.


