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denn stets war er in seinem tiefsten Herzen echt deutsch gesinnt, und wir sahen, däss unter der Führung der Hohenzollern Deutschland bald wieder in alter Kraft erstehen würde. Und wie schnell hat sich unsere Hoffnung glänzend erfüllt! Und wenn auch nicht der hessische Staat, der hessische Stamm hat wacker mitgeholfen an der Erreichung dieses Zieles; unsere Brüder haben den alten Ruhm hessischer Tapferkeit aufs neue bewährt, auf den Schlachtfeldern von Weissenburg und Wörth, bei Sedan, an der Loire und vor Paris, und mit Stolz dürfen wir auch ferner uns Hessen nennen, wie unsere Vorfahren diesen Namen mir Stolz getragen haben!
„Wohl dem“, so hören wir unseren grössten Dichter sagen,
„Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt,
Der froh von ihren Thaten, ihrer Grösse
Den Höõrer unterhält und, still sich freuend,
Ans Ende dieser schönen Reihe sich
Geschlossen sieht.“
Und wir dürfen unserer Väter gern gedenken, denn Stamm und Staat ist von nicht
geringer Bedeutung für die Entwickelung Deutschlands gewesen; gar manches Blatt deutscher Geschichte hat hessische Thaten zu verzeichnen; selten nur hat unser Land seine Aufgabe ver- kannt dem gemeinsamen deutschen Vaterlande gegenüber, mehr als einmal hat es an der Spitze der Bewegung gestanden, die Deutschland zu dem gemacht hat, was es heute geworden ist, zu einem Horte wahrer, geistiger Freiheit. Seit zwei Jahrtausenden, so weit uns unsere Kenntnis deutscher Geschichte dies übersehen lässt, sesshaft in demselben Gebiet, haben die Chatten, deren Namen sich spâter in die Form Hessen wandelte, ebensosehr bei sich deutsche Sitte gewahrt wie den Feinden Deutschlands gewehrt, mochten diese auf dem kirchlichen oder dem staatlichen Gebiet die Unterdrückung versuchen. . Es ist kein besonders reiches Land, das zwischen Thüringer Wald, Spessart, Taunus, Westerwald, Weserbergen und Harz liegt; nur mühsam ringt oft der Bewohner dem Boden kärglichen Unterhalt ab, und spottend konnten wohl die Nachbarn aus gesegneteren Ländern von unserer Heimat sagen: Im Lande zu Hessen gibt's grosse Schüsseln und nichts zu essen, gibt's grosse Krüge und sauren Wein, wer möchte wohl gern im Land zu Hessen sein? Aber reichliche Arbeit kann nur des Mannes Tüchtigkeit üben und erhöhen, und so konnte ein anderer landläufiger Spruch die Arbeitsamkeit und den Mut, die Bedürfnislosigkeit und Zähigkeit unserer Vorfahren kennzeichnen mit den Worten: Wo Hessen und Holländer ver- derben, wer wollte da Nahrung erwerben! Und gerade der Umstand, dass das Land nicht von selbst seine Schäâtze gibt, lässt das, was man erwirbt, wertvoller erscheinen, und so hat der Hesse stets seine Heimat hoch geschätzt wie kein anderer Deutscher, und heute noch nennt man ihn im übrigen Deutschland nicht umsonst den deutschen Schweizer. Selten ist ein Hesse längere Jahre fern von seiner Heimat, ohne dass ihn das Heimweh ergreift, und gar mancher, der in anderen Gauen unseres grossen deutschen Vaterlandes sich niedergelassen hatte, ist nach Hessen wiedergekehrt, sobald sich ihm nur eine Möglichkeit bot.
Die zähe Arbeitsamkeit und die körperliche Ausdauer, welche das Land seinen Kindern verlieh, verbunden mit der treuen Anhänglichkeit an die Heimat, hat dann aber auch den Hessen die Tapferkeit gegeben, die so gefürchtet war jedem Vaterlandsfeinde gegenüber, die selbst da zum Schrecken ihrer Gegner wurde, wo ihr die Grundlage der Vaterlandsliebe fehlte, wie z. B., als sie in englischem Solde die Erhebung der nordamerikanischen Kolonieen nieder- werfen sollten. Dass sie geborene Soldaten seien, spricht schon Tacitus aus, wenn er im 30. Kap. der Germania von ihnen sagt:„Härter sind dieses Stammes Leiber, gedrungen die Glieder, drohend ihr Blick und lebhafter ihr Mut. Für Germanen besitzen sie viel Verstand


