Aufsatz 
Die Bedeutung von Hessen für die Entwickelung Deutschlands : Festrede für den 22. März 1876 / gehalten von Oberlehrer Dr. Wittich
Entstehung
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Zeiten der Schmach und Erniedrigung nach aussen, so auch die des Rückschritts im Innern nie wiederkehren sollen, wie es sie nach den Erhebungen von 1813, von 1830 und von 1848 erlebt, dass die Nation jetst eins ist mit ihrem Herrscher in ihren höchsten Bestrebungen.

Und wie sich hier für Deutschland die Bedeutung seines neuen Kaisertums aussprach, so für das Ausland, so besonders für Italien in der Reise unseres Kaisers über die Alpen, in seinem Zusammentreffen mit König Victor Emanuel in Mailand.

Wenn sonst die Kaiser von Deutschland nach ltalien zogen, dann galt es der prunkenden Festlichkeit einer Krönung oder der Niederwerfung aufrührerischer Vasallen, der Bezwingung erbitterter Feinde. Dann kamen sie in Wehr und Waffen mit reisigen Scharen, und viele Tausende deutscher Krieger haben in Italien ihr Grab gefunden. Dann traten sie in die nächsten Beziehungen zu dem heiligen Vater, der auf so manchen von ihnen den Bannstrahl schleuderte, wenn die weltliche Gewalt sich nicht in allen Dingen beugen wollte vor der geistlichen. Ja, ein Heinrich IV. kam im Büssergewand über die Alpen, um in Kanossa sich zu demütigen vor dem Papste, der zuerst mit gewaltigem Erfolg es versuchte, seine geistliche Herrschaft über die ganze Christenheit auszudehnen, vor Gregor VII.

Diesmal ist es ein kleines Gefolge, das den deutschen Kaiser begleitet, es gilt einen freundschaftlichen Besuch bei dem König Victor Emanuel, dem es ebenso gelungen ist, die Staaten Italiens zu einem Ganzen zu vereinen, wie unser Deutschland sich unter Kaiser Wilhelms Fahne einmütig geschart hat, und die Freundschaft der beiden Reiche ist vor allem auch der Ausdruck desselben Strebens; sie bedeutet das Durchdrungensein von derselben UÜberzeugung, dass aus dem staatlichen Leben fern zu halten ist alle Finmischung der Geistlichkeit, dass echte Vaterlandsliebe nie sich verträgt mit den Forderungen der Hierarchie, der geistlichen Herrschaft, die ihre Macht über die Gewissen der Glâubigen so gern benutzt, um selbstsüchtige Zwecke zu erreichen. Vom jubel des italienischen Volkes wurde Kaiser Wilhelm begrüsst, und am Abend des 18. Oktober strahlte zu Ehren des Barbabianca in einem Glutenmeer von Freudenfeuern der Dom derselben Stadt, deren Häuser und Paläste einst Barbarossa von ver- zehrenden Flammen hatte in Asche legen lassen. Und als die Deutschen in Mailand dem Kaiser eine Silberplatte als Geschenk überreichten, auf welcher ein Friedensengel, mit der Aufschrift: ex bello pax, dargestellt war, da konnte er, der erste deutsche Kaiser, welcher mit den Gefühlen aufrichtiger Freundschaft für Italien über die Alpen gekommen war, es aussprechen, dass dies, die Erreichung des Friedens als einziges Ziel des Krieges, stets sein innerster Gedanke gewesen, dass sein ernstes Streben auf dauernde Erhaltung des Friedens gerichtet sei, und, wie er fest glaube, mit Erfolg.

Darin beruht die grossartige Bedeutung dieser Kaiserreise, dass sie ein Sinnbild sein sollte des Friedens mit den Nachbarn, den Deutschland auf sein Panier geschrieben.

Friede im Innern, Friede nach aussen, so lautet der Wahlspruch des neuen deutschen Reichs, das Kaiser Wilhelm geschaffen hat, zu dem er den Grund legte, als er im Jahre 1866 die Staaten Norddeutschlands zu einem neuen Bunde vereinigte, der Preussen die Führerschaft in Deutschland gab und so die Siege von 1870 und 71 und damit die Sicherung des europäischen Friedens durch ein starkes deutsches Reich erst möglich machte. Als damals beim Austritt Preussens aus dem Bundestag die Regierungen von Hannover, Nassau und Kurhessen der Auf- forderung des preussischen Königs, sich ihm anzuschliessen, keine Folge leisteten, wurden diese Laânder durch das Einrücken von Heeresabteilungen am Anschluss an Ostreich gehindert. Durch Gesetz vom 20. September 1866 wurde dann, da auch jetzt Kurfürst Friedrich Wilhelm keine Zugeständnisse machen wollte, das Land Kurhessen auf immer mit der Krone Preussens vereinigt, und schnell hat sich unser Volksstamm in das Gefüge des grossen Ganzen eingelebt,