Die Bedeutung von Hessen für die Entwicklung Deutschlands.
Festrede für den 22. März 1876, gehalten von Oberlehrer Dr. Wittich.
Unter den Ereignissen des letztverflossenen Lebensjahres unseres Königs und Kaisers, der heute in sein 80. Jahr tritt, sind besonders zwei von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Es sind keine grossartigen Thaten, geeignet und dazu bestimmt, dem Gang der Weltgeschichte neue Bahnen zu weisen, es sind äusserlich sehr einfache Handlungen, die an sich keine besondere Tragweite verraten; aber um so mehr sinnbildlichen Wert nehmen sie in Anspruch, ich meine die Einweihung des Hermanndenkmals und die Reise unseres Kaisers nach lItalien.
„Dem Ursprunge des aller Deutschen Herzen durchstréömenden Freiheitsbewusstseins ein festes, sichtbares Zeichen zu geben“, das war nach Ernst von Bandels eigenen Worten der Gedanke, der ihn dazu begeisterte,„die Schwerterhebung Hermanns, an die sich die Ideeen deutschen Be- wusstseins, deutscher Kraft und Herrlichkeit, deutscher Einigkeit, wie in Haupt und Gliedern, so in den verschiedenen deutschen Stämmen, knüpft“, in gewaltigem Bilde darzustellen. Mit Begeisterung hatte das deutsche Volk diesen Gedanken des patriotischen Künstlers aufgegriffen, der seine Arbeit an dem Werk dem Vaterland als Geschenk anbot; aber vieler Jahre treuester Hingebung und angestrengtester Thätigkeit des Meisters bedurfte es, um den am 9. Juli 1838 begonnenen Bau zu Ende zu bringen. Wie an der Erreichung von Deutschlands Einheit musste man an der Möglichkeit der Vollendung dieses Denkmals derselben besonders in den Zeiten der Niederdrückung deutscher Freiheitsbestrebungen mehr als einmal zweifeln. Als aber auf Frankreichs Feldern die deutsche Einheit wiedererstanden, als in Versailles dem deutschen Reiche ein neuer Kaiser gegeben war, da eilte auch das Werk, das König Wilhelm schon vorher unterstützt hatte, seiner Vollendung entgegen, und seine innigen Beziehungen zu den Ereignissen der neusten Zeit durfte es aussprechen in Bild und Wort: Das Brustbild unseres Kaisers schmückt eine der Nischen des Unterbaus, und seine Bedeutung für Deutschland spricht die Inschrift aus:
Der lang' getrennte Stämme vereint mit starker Hand, Der welsche Macht und Tücke siegreich überwand,
Der längst verlorne Söhne heimführt zum deutschen Reich, Armin, dem KRetter, ist er gleich.
Dies erste grosse Nationaldenkmal, das Sinnbild deutscher Einigkeit und Macht, weihte unser Kaiser am 16. August des verflossenen Jahres unter dem Jubel vieler Tausende aus allen Gauen Deutschlands. Denn es wurde hier bestätigt, was so lange die sehnenden Herzen des Volks erfüllt hatte, wonach so mancher Edle gestrebt, woran so viele ihr Herzblut gesetzt zu einer Zeit, da dies Sehnen des Volkes den meisten Fürsten Deutschlands als ein Frevel galt, bestätigt von dem, welcher Deutschland selbst die Einigkeit hatte bringen helfen, von dem deutschen Kaiser. Das war dem deutschen Volke eine Bürgschaft dafür, dass, wie jene


