Aufsatz 
Die Grundsätze und Mittel der Wortbildung bei Tertullian : Fortsetzung / von G. R. Hauschild
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Substantiv razo-s(raison) das Verbum razonar(raisonner) und die verbalen Ableitungen razonahle (raisonnable) und razonamen-s(raisonnement) gerade so gut stehen, wie neben dem Substantiv sermo-s(sermon) das Verbum sermonar(sermonner) mit der verbalen Ableitung sermonamen-s. (Auch das Italienische hat ragionare, ragionamento u. ä.) So könnte uns das neufranzösische conditionner immerhin auch auf ein im Lateinischen anzunehmendes conditionare verweisen, aus welchem Tertullian sein conditionabilis abgeleitet hätte.

Wäre aber Seneca schon mit der Bildung rationalis über die bis zu ihm geltenden Bildungsgesetze der lateinischen Sprache hinausgeschritten, so würde er auch hiermit Tertullian zur energischen Nacheiferung getrieben haben; denn abgesehen von dem schon oben erwähnten condition-alis findet sich bei diesem noch das Suffix alis an Stämmen auf ion bez. on in agmitionalis(Uebersetzung des irenäischen zard ννοσάέάi erkenntnismässig Val. 27)

neben agnoscibilis(lineamenta= erkennbar R. C. 55), passionalis(deus Test. An. 2, caro Test. An. 4= leidensfähig) neben passibilis(pater Prax. 29, caro R. C. 57, M. 3, 7, corporale An. 7, anima An. 24 und 12= dem aristotelischen mπτνας u. S. w.) und

Dassivus(Christus C. C. 24, vielleicht Erinnerung an ei αενρπηνι⁴⁶ςσ ο XHlασασσα aus Act. 26, 23 2) mit ihren zahlreichen Weiterbildungen; endlich in dem noch weiter unten zu besprechenden sermonalis.

Es bleibt mir nur übrig, in Kurzem noch auf die bei Tertullian auf Grund dieser Ueber- setzungen vorkommenden Weiter- bez. Neubildungen hinzuweisen. Daraus, dass Tertullian, wie ich in meiner R P T. nachgewiesen habe, die Seele, wie Plato, als rationalis, d. h. vernunft- mässig angelegt und selbstvernünftig bezeichnet, ergiebt sich ihm endlich die substantivische Bezeichnung dieser Eigenschaft als rationalitas vernunftgemässe Anlage und Selbst- vernünftigkeit. 5⁵) Im Kampfe gegen Plato's Zweiteilung der unvernünftigen Seele gebraucht er rationaliter da, wo es sich ihm darum handelt, die Aeusserungen des Unwillens und Be- gehrens Gottes nicht als unvernünftige, bez. auf unvernünftige Weise geäusserte und verlaufene anzunehmen. ⁵⁶) Gegen Marcion bedient er sich des Ausdrucks irrationaliter, indem er daran festhält, dass zum Begriff des göttlichen Wesens ebenso die Güte wie die Vernunft gehöre, dass also eine Scheidung zwischen einem niedern gerechten Gott und einem höchsten guten nicht zulässig sei; es müsste denn gerade bei dem Gott Marcion's so sein, dass er gut wäre ohne vernünftig zu sein bez. nach Grundsätzen zu handeln, die durch den Be- griff seiner Gutheit gefordert werden; ⁵⁷) dass er also zwar Sünden verbot, aber nicht strafen, weil nicht richten wollte, oder dass er nicht beleidigt würde, wenn etwas geschieht, was er

⁵5) An. 22: Definimus animam rationalem. An. 38: licebit animae abire habenti sua firmamenta et propriae conditionis alimenta, rationalitatem. Man beachte, dass dieses Wort im Französischen als rationalité, im Englischen als rationality erhalten ist.

⁵⁶) An. 16: quae certi sumus in domino rationaliter decucurrisse. Indignabitur deus ratio- naliter, quibus scilicet debet et concupiscet deus rationaliter, quae digna sunt ipso. Vergl. S. 59 der R P T. Für Seneca, aus dessen Schriften einmal rationaliter citiert wird, habe ich einen Beleg nicht auffinden können.

³¹) Marc. 2, 6: Nec ratio enim sine bonitate ratio est, nec bonitas sine ratione bonitas, nisi forte penes deum Marcionis irrationaliter bonum, sicut ostendimus. Das sicut ostendimus bezieht sich auf Marc. 1, 26, wo er einen solchen Gott perversissimus und stupidissimus nennt, der extraneus wäre ab omnibus sensibus severitatis et animadversionis, und bei dem man nicht wüsste, quomodo illi disciplinarum ratio consistat.

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