Aufsatz 
Die Grundsätze und Mittel der Wortbildung bei Tertullian : Fortsetzung / von G. R. Hauschild
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c) mit griechischer Flexion, zur Erklärung eines vorausgehenden

knappen lateinischen Ausdrucks angewendet, welcher eine Neubildung sein kann.

Obgleich sich diese Kategorie auscheinend wenig von der vorausgehenden unterscheidet, bildet sie doch einen bedeutenden Fortschritt in dem Verhältnisse, welches die griechische Sprache allmäblich in gelehrten lateinischen Schriftwerken einzunehmen begann: die fortdauernde Beschäftigung der Römer mit den fachwissenschaftlichen Werken der Griechen, sowie die immer wachsende Teilnahme, welche wenigstens die besseren Kreise der römischen Gesellschaft denselben entgegenbrachten, ermutigte oder drängte die schriftstellernden Römer dazu, das, was sie dem griechischen Geiste entlehnten, in Roms Sprache zu Roms bleibendem Besitze zu er- heben. Der schüchterne Versuch, ¹) dem griechischen Ausdrucke nahe zu kommen, erwächst zur mutigen That, ²) deren Urheber sich bewusst ist, das Rechte getroffen zu haben. ³) Jenes spricht sich aus in der Voranstellung des griechischen und Nachstellung des lateinischen Aus- drucks, dieses in der Voraustellung des lateinischen und Nachstellung des griechischen Ausdrucks.

Da es aber in den natürlichen Verhältnissen begründet lag, dass die Römer, wenn sie auch im Ausdruck auf eigenen Füssen zu stehen sich getrauten, doch bezüglich des durch jenen ausgedrückten Gedankens immer von den Griechen abhängig sein mussten, so werden wir es begreiflich finden, dass bei jedem Versuche, eine neue Idee aus Griechenland nach Rom zu ver- pflanzen, auch allemal die verschiedenen Stellungen, welche das Lateinische in solchem Falle zum Griechischen einzunehmen pflegte, zur Erscheinung gelangten. Das Lateinische entwächst eben auch im sprachlichen Ausdrucke dem Griechischen nie so weit, dass es desselben als Lehrers überhaupt ganz entraten könnte. Bald lässt es den Lehrer allein sprechen, wie aus Aa) er- sichtlich, bald bekräftigt es in seiner Weise, dass es den Lebrer verstanden hat, wie b) zeigt; bald kommt es dem Lehrer zuvor, aber nicht ohne dessen nachträgliche Bestätigung einzuholen, wie die vorliegende Kategorie beweist; bald müht es sich ab wiederzugeben, was der Lehrer vorgetragen, wenn es ihn überhaupt verstanden hat, wie aus d) und e) hervorgehen wird.

Wenn wir uns nun schon nicht wundern dürfen, dass bei Tertullian, der die neueste und grösste Idee des Hellenismus zu einer allen Lateinern gemeinsamen machen wollte, die anderen Phasen des Verhältnisses der beiden Sprachen zu einander wiederkehren, durfte er dann nicht auch, ebenso kühn wie Cicero, seiner Terminologie zuweilen den Vorzug eiuräumen vor der griechischen? Und in der That finden sich für eine solche Vorzugsstellung des Latein bei Cicero der Belege genug, indem er dem vorausgehenden lateinischen Ausdrucke den griechischen nachfolgen lässt, entweder um jenen für den lateinischen Leser in einer ganz bestimmten

¹) Cic. de Fin. III, 4, 15: Nam quum in Graeco sermone haec ipsa quondam rerum nomina novarum nunc consuetudo diuturna trivit, quid censes in Latino fore? Facillimum id quidem est, inquam. Si enim Zenoni licuit, quum rem aliquam invenisset inusitatam, inauditum quoque ei rei nomen imponere, cur non liceat Catoni?

²) Cic. de Fin. III, 2, 5: Et quoniam saepe diximus, nos non modo non vinci a Graecis verborum copia, sed esse in ea etiam superiores, elaborandum est ut hoc non in nostris solum artibus, sed etiam in illorum ipsorum consequamur.

³) Cic. de Fin. III, 12, 40: Itaque mihi videris Latine docere philosophiam et ei quasi civitatem dare:

quae quidem adhuc peregrinari Romae videbatur nec offerre sese nostris sermonibus, et ista maxime propter limatam quandam et rerum et verborum tenuitatem.(Vergl. Ib. 1, 3 med.: Stoicorum etc.).