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Wollte man aber behaupten, dass die heilige Schrift gar nicht so viele oder so voll- ständige Angaben über das Wesen der Seele enthalte, wie im Folgenden werden vorgeführt werden, so enthält die heilige Schrift doch der Angaben genug über den, aus dessen Substanz nach ihr die Seele hervorging. Wenn daher die Untersuchung über die Entstehung der Seele von der heiligen Schrift zu beginnen hat, so muss auch die Forschung nach dem Wesen und der ursprünglichen Anlage der Seele von den biblischen Angaben hierüber ausgehen, beziehentlich, wo solche fehlen, zu einer Untersuchung über das Wesen Gottes fortgehen, um von dem Zusammenhang aus, in welchem das Erzeugte zu seinem Erzeuger steht, dieses selber wenigstens annähernd zu bestimmen. So hat die biblische Lehre von der Seele ihren Grund und ihre Spitze in der biblischen Lehre von Gott.
Sollte es aber auf dem Gebiete der Psychologie zur Entscheidung zu bringende Fälle geben, in welchen die biblische Theologie uns gar keinen oder nur einen unbestimmten Anhalt bietet, so wird wenigstens die biblische Lehre vom Gottmenschen die gewünschte Auskunft bez. Parallele gewähren. Darum ist die biblische Christologie als zweiter ergänzender bez. bestätigender Factor der biblischen Psychologie zu benutzen.
Etwas anders gestaltet sich das Verhältniss, sobald es sich um Untersuchung und Feststellung der unsrer Beobachtung unterstellten bez. durch unsre Erfahrung fixirten psychologischen Thatsachen handelt. Unsre Bewegung ist dann eine freiere, insofern es sich zunächst nur darum handeln kann, die von Gott in uns zu solcher Beobachtung, Untersuchung und Feststellung gelegten Fähigkeiten in entsprechender Weise zu benutzen. Indessen wird auch diese, zunächst freilich nur mittelbar auf die Bibel stützbare Untersuchung im Lichte des Wortes Gottes geführt und wenigstens insofern an dasselbe angelehnt werden müssen, als der Mensch hiernach als oberstes und als vorzugsweise beseeltes Glied in der Reihe der lebenden Geschöpfe aufaufassen ist.
Da sich hieraus eine besondre Stellung des Menschen zu den übrigen Bewohnern der Erde und zum Weltall überhaupt ergibt, so wird dieser Theil der biblischen Lehre von der Seele zugleich auch die biblische Lehre von der Welt, als dem Gesammtbegriff alles durch Gottes Schöpferwort- und Hand Entstandenen und Gebildeten, mit berücksichtigen müssen. So findet die Lehre von der Stellung der Seele zur und von ihrer Bestimmung in der Welt ihre Würdigung und ihre Bestätigung erst durch die biblische Kosmologie.—
Von diesen Gesichtspunkten aus ist vorliegende Arbeit angelegt und behandelt worden. Sie haben sich mir schon durch ein bei der Kürze der Zeit, die ich darauf nur verwenden konnte, immerhin noch flüchtiges Studium sämmtlicher Schriften Tertullian's ergeben. Was die folgenden Blätter enthalten, bildet ein in sich abgeschlossenes Ganze, insofern darin die auf Grund der biblischen Darstellung anzunehmende Entstehungsweise der Seele und die daraus abzuleitenden ursprünglichen Wesensbestimmungen derselben behandelt werden, wodurch zugleich die entsprechende Rücksichtnahme auf die biblische Theologie und Christologie geboten war.
Insofern also hier die Seele zunächst nur»an sich selbst vorgestellet« und zunächst nur in Bezug auf das betrachtet wird, was»„unabhängig von aller Erfahrung⸗ aus ihrer biblischen Begriffsbestimmung geschlossen werden kann, darf der Inhalt des hier vor- liegenden Ganzen füglich als die»yRationale Psychologie« Tertullian's bezeichnet werden,


