Aufsatz 
Tertullian's Psychologie und Erkenntnisstheorie / dargest. von G. R. Hauschild
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wer hat offenbart, was Gott verborgen hat; es ist besser etwas nicht zu wissen, weil es Gott nicht offenbart hat, als es zu wissen, weil es ein Mensch von vornherein angenommen hat«.(An. 1).»Demgemäss kann man nicht mehr finden, als was man von Gott lernt; von Gott aber kann man Alles lernen.«(An. 2.)

Sobald sich daher mit dem Offenbarungsinhalt deckte, was von heidnischen Philo- sophen in Bezug auf Gott und göttliche Dinge ausgesagt worden war, konnte es Tertullian freudig acceptiren. Denn er erblickt in solchen Aeusserungen Zeugnisse von dem stillen Wirken Gottes, des Vaters aller Menschen, auch unter den Heiden und scheut sich nicht, einerseits solche Selbstbezeugungen Gottes aus dem Heidenthum zur Stütze seiner eignen Ansichten mit Eifer aufzusuchen und in Menge hervorzuheben bezw. zu verwerthen, andererseits aber auch ohne Rücksicht auf irgendwelche menschliche Autorität dem Schriftwort gegentheilige Ansichten entweder ganz zu verwerfen oder nach demselben zu rectificiren. Solche überein- stimmende Ansichten bieten dann eine auch den Heiden annehmbare Gewähr für die Wahrheit der christlichen Lehre.»Denn auch von Gegneru ist ein Zeugniss immer nothwendig, wenn es nicht den Gegnern nützt«(An. 2), d. h. wenn das, was man vom Gegner zur Bezeugung der Ueberein- stimmung mit ihm citirt, nur nicht als Product von dessen eigner Kunst denn die ist von»laqueis praejudicii« nicht frei erscheint, sondern wenigstens als eine Aeusserung jenes Ge- meingefühls aufgefasst werden kann, in welchem der Bibelleser einen Hinweis auf die Ent- stehung der Welt und der Menschheit aus einer gemeinsamen Quelle erbliekt.

Indem also Tertullian ein Zurückgehen auf unsre Entstehungsweise in ihrem letzten Grunde empfiehlt, setzt er scheinbar neben die heiligen Schriften als zweite Erkenntnissquelle die Natur. In der That aber bezeichnet diese nach der oben angegebenen Auffassung zunächst nur den besondern Ausgangspunkt der Erkenntniss, welchen die Offenbarung in der Schöpf- ungsgeschichte gegeben hat. Denn Gott kann aus der Welt des Gewordenen(»Natur- im gewöhnlichen Sinne) nur recht erkannt werden, wenn man weiss, wie diese Welt geworden ist(natura Tertullian's): Das sagt uns aber die heilige Schrift.-Und die Seele, die ihn erkennen soll, kann in ihrer eigentlichen Beschaffenheit und besondern Bestimmung(pin ihrer Natur« nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch) selbst nur recht erkannt werden, wenn man weiss, wie sie entstanden ist(natura Tertullian's): Aber auch darüber belehrt uns die heilige Schrift.

So gibt es für Tertullian hinsichtlich aller höhern»ü bernatürlichen« Erkenntniss welche aber könnte höher sein als die Erkenntniss Gottes? welche natürlicher als die des eignen Selbst? doch nur eine Erkenntnissquelle: die heilige Schrift. Sie bietet Tertullian im Kampf der Meinungen und im bunten Wechsel der philosophischen Theoreme die Einheit und die Sicherheit des Erkennens, nach welcher auch der Gläubige strebt und streben muss, will er anders seine Sache im Kampfe mit der»Weisheit der Welt⸗ siegreich verfechten. So ist die Weisheit der Gläubigen die Weisheit einer Schule, die wahrhaft vom Himmel ist. ¹) Darum soll sie auch das, was es über die Seele zu untersuchen gibt, nach den von Gott selbst gegebenen Anhaltepunkten bestimmen. Denn»kein andrer kann besser die Seele erweisen, als der sie erschaffen hat. Von Gott mag sie lernen, was sie von Gott hat; oder, wenn sie es nicht von Gott lernt, auch nicht von einem andern.«(An. 1).

¹) Cf. Cic. Tusc. 5, 5, 10.