Tertullian's Psychologie und Erkenntnisstheorie
dargestellt von
G. R. Hauschild.
Einleitende Gesichtspunkte für die philosophische Behandlung Tertullian's.
Man ist meist gewohnt, Tertullian als Philosophen damit zu charakterisiren, dass man ihn als Feind der Philosophen bezeichnet. Man thut dies auf Grund jener bekannten Stellen, die, mit grösserer oder geringerer Vollständigkeit in jedem Handbuche der Geschichte der Philosophie aufgezählt, Schmähreden Tertullian's gegen die Philosophen und die Philosophie enthalten sollen. Ganz abgesehen davon, dass jene Stellen, aus dem Zusammenhang gerissen und unvermittelt vorgeführt, Tertullian's Invectiven noch heftiger erscheinen lassen, als sie es wirklich sind, setzt man sich meist auch mit leichter Mühe über den eigentlichen Ausgangs- punkt Tertullian's hinweg und vermag sich deshalb weder zu einer gerechten Würdigung jener einzelnen Aussprüche noch zu einem liebevollen Studium seiner ganzen Anschauungsweise zu erheben.
Denn wenn man Tertullian als Kind seiner Zeit überhaupt auffasst und be- urtheilt, wird man es ihm nicht verargen können, wenn er weder von einem der zahlreichen philosophischen Systeme, von denen immer eins das andere verdrängt und keines genügt hatte, etwas mehr wissen noch mit unterschiedlichen Scherben aus dem allgemeinen Trümmer- haufen»der Versuche zur Lösung des Welträthsels« sich selbst eine philosophische Weltanschau- ung als Eklektiker aufbauen und herrichten wollte.
Wenn man aber bedenkt, dass Tertullian auch ein gläubiger Christ seiner Zeit war, so wird man von dem tiefen Gegensatze aus, in dem sich Glauben und speculatives»Wissen« stets befunden haben, seine Ausfälle gegen jedes selbstgemachte Wissen von Gott und göttlichen Dingen— um diese aber handelt es sich für ihn hierbei immer nur— leicht zu begreifen und zu entschuldigen wissen. Denn wenn der Inhalt des Glaubens auf göttlicher Offen- barung beruht, so gibt es für den Offenbarungsgläubigen in göttlichen Dingen aller- dings kein anderes Kriterium als die Offenbarung selbst;.und wenn der Inhalt der gött- lichen Offenbarung in besonderen Schriften niedergelegt ist, so können in Sachen Gottes und göttlicher Dinge allerdings nur die heiligen Schriften den alleinigen Ausgangs-
punkt unsrer Untersuchung bilden und den Endpunkt unsrer Erkenntniss bestimmen.»Denn 1


