Aufsatz 
Geschichte der Anstalt von 1837-1887
Entstehung
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21 zugemeſſene Stundenzahl vermehrt, der mathematiſche und chemiſche Unterricht in den oberen und der ge⸗ ſchichtliche Unterricht in den unteren Klaſſen entſprechend vermindert.

Auch dieſe Anordnungen gingen noch von dem Direktor Solda n aus; in die Zeit ſeiner Leitung fällt ſomit eine Reihe der weittragendſten und bedeutungsvollſten Entwicklungsſchritte unſerer Anſtalt. Im Mai des Jahres 1884 wurde Direktor Soldan aus ſeiner erſprießlichen hieſigen Thätigkeit abberufen, um die Leitung der Realſchulen in Mainz zu übernehmen, wo neue organiſatoriſche Aufgaben ſeiner warteten, deren Löſung ihn noch heute beſchäftigt. Sein Nachfolger im hieſigen Amt wurde der Verfaſſer dieſer Geſchichte, früher Direktor der Realſchule in Groß⸗Umſtadt.

Im Herbſt 1884 traten auf Anordnung des Großh. Miniſteriums, Abteilung für Schulangelegen⸗ heiten, die Mitglieder dieſer hohen Behörde und die Direktoren der vier heſſiſchen Realſchulen I. O. in Darm⸗ ſtadt zu einer Conferenz zuſammen, der die Aufgabe geſtellt wurde, den Lehrplan der heſſiſchen Realſchulen J. O., die bei dieſer Gelegenheit ihren ſeitherigen mit dem Namen Realgymnaſium vertauſchten, für das ganze Land einheitlich zu regeln. Das Ergebnis ihrer Beratungen war der im Dezember 1884 amt⸗ lich veröffentlichteLehrplan für die Realgymnaſien des Großherzogtums Heſſen(Amtliche Handausgabe, Darmſtadt 1885; Staatsverlag), der, im weſentlichen mit dem preußiſchen Lehrplan übereinſtimmend, unſeren Realgymnaſien heute zur Norm dient.

Wir ſtehen am Schluſſe unſerer Darſtellung. Aus unſcheinbaren Anfängen ſahen wir die Realſchule zu einem ſtattlichen, drei Lehranſtalten in ſich vereinigenden Organismus emporwachſen; das urſprüngliche Collegium von 8 Lehrern auf die Zahl von mehr als 20, die anfänglichen 3 Klaſſen auf 19 ſich ver⸗ mehren, die jährliche Schülerzahl von 100 bis auf 500 und 600 anſchwellen. Die Geſamtzahl derer, die unſerer Realſchule ihre Schulbildung ganz oder teilweiſe zu danken haben, beläuft ſich auf mehr als 3000 und es gibt wohl kaum ein Culturland der Erde, in dem heute nicht ehemalige Realſchüler aus Gießen zu finden wären. Und wie viele von ihnen der alten Bildungsſtätte eine pietätvolle Erinnerung bewahrt haben, das beweiſt ſo manche in den gegenwärtigen Tagen der Vorbereitung zu dem 50⸗jährigen Jubelfeſte der Anſtalt aus weiter Ferne eintreffende Zuſchrift. Statt der mehr als beſcheidenen Räume in der Weidengaſſe bewohnt die Anſtalt heute eines der geräumigſten und anſehnlichſten Gebäude der Stadt. Eine Fülle wertvoller, das ſtetige Zuſtrömen von Schülern verbürgender Berechtigungen ſind ihr verliehen; den Abiturienten des Realgymnaſiums hat die Univerſität ihre Pforten aufgethan.

Aber nicht ohne heißen Kampf ſind unſrer Schule dieſe Vorteile zugefallen, und noch werden ſie ihr nicht ſelten beſtritten. Sie teilt das Schickſal aller Realgymnaſien. Seit Jahren gibt es eine ſogenannte Realſchul⸗, richtiger Realgymnaſialfrage. Insbeſondere hinſichtlich der von der einen Seite verlangten, von der anderen verweigerten Gleichberechtigung der Realgymnaſien mit den humaniſtiſchen Gymnaſien wird das Für und Wider von Männern der Schule und der Wiſſenſchaft mit Leidenſchaftlichkeit erörtert. Während man auf der einen Seite den Realanſtalten den Vorwurf macht, einem gemeinen Utilitarismus zu huldigen, ſie, mit Thierſch, beſchuldigt, zwar mit Kenntniſſen vollgepfropfte Köpfe, aber niemals gebildete Menſchen heranziehen zu können und es als einen Mißgriff beklagt, daß man die Vorbildung der Realgymnaſial⸗ abiturienten auch nur für einzelne Zweige des Univerſitätsſtudiums als ausreichend oder wohl gar als vor zugsweiſe zweckmäßig hat gelten laſſen, ſo hört man von der andern Seite nicht nur die Allgenugſamkeit der in den humaniſtiſchen Gymnaſien vorwiegend gepflegten toten Sprachen mit Heftigkeit leugnen, ſondern dieſelben ſogar als die eigentliche materia peccans bezeichnen, welche den Schulhochmut und jene Schul⸗ dummheit erzeuge, die Wellington im Auge hatte, als er einem jungen Manne zurief: Vou are overedu- cated for your intellect*), Sie haben zuviel gelernt für Ihren Verſtand!

*) Vergl. für dies und das Folgende: Paulſen, Geſchichte des gelehrten Unterrichts.