160. keine wörtliche Ubersetzung seiner Quelle gibt, sondern sie vielfach in freierer Weise um- gestaltet, wobei dann, namentlich infolge der knappen Zusammenziehung des Stoffes, leicht dieselben Ausdrücke wiederkehren, z. B.: do provede he wol; du skald dat wetten; dure gave; enen wisen mester usw. Ferner paßt er die fremden Einrichtungen gern seinen eigenen Zeitverhältnissen an. Statt„ans Kreuz schlagen“ sagt er„(an den Galgen) hängen“; die Soldaten Alexanders sind ihm seine Ritter, seine Ritterschaft; die Satrapen Fürsten, der Hohe- priester ein Bischof; zu den Städten, die erobert werden, fügt er Burgen hinzu; statt vieler Völkerschaften kommen viele Könige; wo ein Wettkampf sein soll, da ist ein schöner„paulun“; Darius küßt den Alexander auf Mund und Hände, nicht auf Brust, Hals und Hände; Nekta- nabus sieht in den Sternen, daß er den Feinden nicht widerstehen kann, während die Quellen von einem Zauber mit Wachsfigurent erzählen; nach der Epitome war der Bucephalus ein Tier formatum pedibus ad Pegasi fabulam, der Niederdeutsche schreibt: Sine vorderen vote weren om gestalt alse enem herte. Solche Eigentümlichkeiten oder beliebte Redewendungen des Schriftstellers ließen sich aus einer Ausgabe des gesamten Werkes leicht in größerem Umfang ermitteln, und man würde dann nicht nach einer Quelle suchen, wo man es mit einer absichtlichen Umgestaltung der Uberlieferung zu tun hat.
Neben der Seelentrostausgabe vermißt man besonders eine kritische Ausgabe der Vita Alexandri Magni des Archipresbyters Leo, der sogenannten Historia de preliis. Es sind Zzwar bereits mehrere Handschriften abgedruckt worden, aber damit ist dem Bedürfnis nicht genügt. Ausfeld, der beste Kenner dieser Schrift, hatte ihre baldige Veröffentlichuug schon 1886 in Aussicht gestellt, aber da er inzwischen(1904) gestorben ist, wird das Erscheinen seines Werkes überhaupt fraglich geworden sein.
Wir besitzen ferner von Pseudokallisthenes nur eine„philologisch ungenügende“*² Ausgabe von Müller(1846) und den Abdruck der Leidener Handschrift im 5. Supplementband der Jahrbücher f. klass. Phil. S. 706; die von Kroll geplante neue Ausgabe scheint das Schick- sal des Reifferscheidt'schen Seelentrosts und der Ausfeld'schen Historia de preliis zu teilen.
Unter diesen Umständen will ich mich auf einige Bemerkungen über die Quellen des Seelentrost-Alexander beschränken. Die Hauptquellen sind, wie Hertz und Hoogstra richtig gesehen haben, die Epitome Jul. Val. u. die Hist. de prel.; die letztere in der Fas- sung J(Vyertreten durch die Handschriften B und M), wie sich aus der Anordnung der ein- zelnen Erzählungen leicht feststellen läßt. Beide Quellen sind in einer auffallenden Weise nebeneinander benutzt, sogar in derselben Geschichte. Man vergleiche z. B. die Antwort, die der junge Alexander den zinsheischenden Boten des Darius gibt: Seelentrost(Bruns 344): Do sprak Alexander: segçet fuwen herren, dat ek om enbede, dat he nenen tins vorderen sculle uppe uns, un segget ome also, dat de koning enen son hebbe, gelikent ut enes hones eye.
Epitom l 23: lgitur ferre iubet ad Darium a se mandata, scilicet uti ab hac petendi consuetudine temperaret:; sin aliter, sciret sese cum Alexandro acrius concertaturum.
Wenn in dem Kyng Alisaunder(Weismann, Lamprechts Alexanderlied, II 408) ebenfalls„viele Könige“ statt multae gentes genannt werden und Nectanebus seinen Untergang aus den Sternen vorhersieht, so darf man darin wohl sicher zufällige Ubereinstimmungen sehen.
² Buresch, Rhein. Mus. 46, 195.
² Auch der Plan Diederich Volkmanns(† 1903), eine Gesamtausgabe der Scriptores rerum Alexandri zu veranstalten, ist nicht verwirklicht worden(Bursians Jahresbericht 1904, Nekrologe, S. 8).


