— 56— hochdeutsch. Einen bestimmmten Grund, weshalb er die Hamburger Hs. für älter halte als z. B. die Oldenburger— denn auch diese war ihm bekannt—, hat Geffcken freilich nicht angegeben.
Jedenfalls muß es von vornherein auffallend erscheinen, daß von einem angeblich hochdeutschen Werke neben 12 nd. Hss.(oder Bruchstücken von solchen) nur 3 hochdeutsche Vvorhanden sind. Es ist ferner sicher oder höchst wahrscheinlich, daß nicht nur die Ham- burger, sondern auch die Gießener und die Nürnberger Hs., also alle bekannten hochdeutschen Hss. auf nd. Vorlagen zurückgehen. Nur wenige Belege seien angeführt, zunächst für die Gießener Hs. aus der Alexandergeschichte:
1) Helmstädter Hs. Nr. 1203(Bruns S. 354): Su unde mercke. Der Schreiber der
Gießener Hs. wußte nicht, daß„su“ der Imperativ zu„sên“ ist und schrieb: alsus und mercke. 2) Helmstädter(Bruns 365): Do kam one to mote gan en olt graw here. Gießener: Do qwam eyn alt groe manne zu maße.
3) Helmstädter(Bruns 357): Darna kemen se to enem hogen berge: dar gink en grot grat up van sophire.— Gießener: eyn groß graß.
4) Helmstädter(Bruns 363): De vruwen vrolikenden sek mit koning Alexander — Kölner Druck von 1484: verlychen sych.— C(ießener: verlièßen sich.
5) Helmstädter(Bruns 362 und 363): bromgen(= bronigen, Brünnen).— Kölner Druck: bronyen.— Der Schreiber der Gießener Hs. kannte das Wort offenbar nicht und schrieb jedesmal blumen.
6) Helmstädter(Bruns 340): de koningk Darius de hadde my sine dochter gelovet, icht ek ome dyn hovet brochte.— Kölner Druck: of ich em d. h. b.— CGießener: uff das ich vyme uwer heupte solde brengen.
Die Närnberger Hs. hat mir zwar nicht zur Verfügung gestanden, aber in den zwei Stücken, die daraus veröffentlicht sind,“ findet sich eine Anzahl Formen, die jedenfalls auf eine nd. Vorlage hinweisen, so profen, achtersprach statt aftersprache, achter der lude ruck, (neppe, pert).
Ebenso legt das eine Stück der Hamburgern Hs., das ich mit einem nd. Text ver- gleichen kann, den Gedanken nahe, daß auch hier eine nd. Hs. zu Grunde liegt. In dem Auszuge bei Geffcken S. 46 heist es: Ich bieden alle die gene, die das buch lesen, oder in andern buchen finden geschrieben, das sie das buch nit en straffen. In der v. Arns- waldt'schen Hs. dagegen lautet die entsprechende Stelle(ahrb. d. Vereins f. nd. Spr. 11, 102): lck bid al die ghene, die dyt boeck lezen, of ze yn anderen boeken yet anders vinden bescreven, dat ze dit boeck nyet dair yn en straeffen. Der Zusammenhang beweist klar, daß hier der Schreiber der Hamburger Hs. für das of seiner nd. Vorlage, das ja sowohl „oder“ als„wenn“ heißen kann, die falsche Ubersetzung„oder“ gewählt hat.
Wenn wir nun in sämtlichen hochdeutschen Hss., in der Gießener sicher, in der Hamburger und Nürnberger höchst wahrscheinlich, Ubertragungen niederdeutscher Vorlagen zu sehen haben und außerdem noch 12 nd. Hss. ganz oder teilweise besitzen, so läßt sich kaum mehr daran zweifeln, daß der Seelentrost in der Tat niederdeutschen Ursprungs ist.
u Wackernagel, altd. Leseb.*, S. 1131—3(Anzeiger f. Kunde des deutschen Mittelalters 1833, Sp. 107/8) und S. 1133— 1138(Taschenbuch f. Freunde altd. Zeit u. Kunst 1816, 343— 8); vergl. Pfeiffer in Frommanns Mund- arten I 174 und Reifferscheidt, Z. f. deutsche Phil. 6, 424, A. 1.
2² Allerdings wären solche Formen auch dann erklärlich, wenn der Abschreiber ein Niederdeutscher gewesen wäre.


