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buch, z. B. I 660 unter„ende“), Toischer(Sitzungsberichte d. Wiener Akad. 1881, 360); sie alle sprechen nur von dem bei Bruns abgedruckten Alexander. Und doch hat schon im Jahre 1866 Latendorf(Anzeiger für deutsches Altertum 13, 308) richtig erkannt, daß diese Erzählung dem mittelalterlichen Geschichtenbuche„der selen trost“ entnommen ist. Auch Hertz(Abhandl. d. bayr. Akad. 1892, 8, A. 4 und an andren Stellen) hat auf diesen Zusammen- hang hingewiesen. An sich wäre auch das umgekehrte Verhältnis denkbar, daß der Ver- fasser des Seelentrostes die ihm passende kurze Darstellung schon vorgefunden und in sein Werk aufgenommen hätte; denn der sogenannte große Seelentrosti ist eine Sammlung von Geschichten zu den 10 Geboten, die aus zahlreichen OQuellen zusammengetragen sind. Dabß jedoch Latendorfs Ansicht die richtige ist, geht klar aus dem Schlusse unserer Erzählung hervor, wo der Verfasser die Nutzanwendung zieht(Bruns 366): Kint leve, dut lat dy en lere wesen, dat du de gebot goddes gerne willest holden, up dat du dar nicht en- komest,² sunder dat du komest, dar alle godes hilgen sin mit gode. Dat we dar al komen, des helpe uns de vader un de sone unde de hillighe gheyst. Amen. Die Worte„Kint leve“ erklären sich daraus, daß der Seelentrost die Form eines Gespräches zwischen dem Ver- fasser(„Vater“ genannt) und dem Leser(„Kind“ angeredet) hat.B“ Die Ermahnung aber, Gottes Gebote zu halten, die uns an dieser Stelle auffallen muß, wird uns verständlich, wenn wir erfahren, daß die Geschichte Alexanders, als abschreckendes Beispiel der Hab- gier bei der Besprechung des 10. Gebotes erzählt, am Ende des ganzen Werkes steht. Der Schreiber jener Helmstädter Hs. hat also die Schlußworte des ganzen Seelentrostes mit ab- geschrieben, als er die Erzählung daraus entnahm, und dadurch ihre Herkunft leicht kenntlich gemacht.
Nun hat vor einiger Zeit Hoogstra“ aus mittelniederländischen Historienbibeln zwei Bearbeitungen der Alexandersage? veröffentlicht, in deren einer(Text I, S. 1— 37) wir auf den ersten Blick den„Alexander“ des Seelentrosts wiedererkennen. Es erhebt sich also jetzt die Frage: Ist die Erzählung aus dem Seelentrost in die muld. Historienbibel oder aus
der Historienbibel in den Seelentrost übernommen worden, oder haben vielleicht die Ver- fasser der beiden Werke eine bereits vorliegende Darstellung unabhängig von einander für ihre Zwecke verwandt? Hoogstra hat sich darüber nicht geäußert, weil ihm der Seelen- trost-Alexander unbekannt geblieben ist. Das Alter der Hss.(s. u.) Würde gegen die Ur- sprünglichkeit der Seelentrosterzählung sprechen. Allein der Schluß des mnld. Textes be- weist Wieder, geradeso wie bei dem Stück in der Brunsschen Sammlung, daß das Werk über die 10 Gebote die Quelle ist, aus der die Historienbibel geschöpft hat. In den Hss. D und E des mnld. Textes lautet z. B. der Schluß(Hoogstra 37): Daerom, o lieve mens,
¹ UOber den Titel s. Geffcken, Der Bilderkatechismus des 15. Jh., S. 1.— Nur von dem„großen“ Seelen- trost ist in der vorliegenden Abhandlung die Rede, nicht von dem Werke über die 7 Sakramente, das man auch den„kleinen“ Seelentrost genannt hat(s. Geffcken 98).
² Nach der Arnswaldtschen Hs. und dem Kölner Druck von 1484 muß hier eingeschaltet werden: dar Alexander quam.
s Deshalb hat Geffcken den Seelentrost einen Katechismus genannt. Falk(fist.-pol. Blätter 108, 217) will jedoch diese Bezeichnung nicht gelten lassen, weil der weitaus größte Teil des Buches Geschichten zufällt und die Fragen des Kindes nur zu den einzelnen Abschnitten überleiten.
4 Proza-Bewerkingen van het Leven van Alexander den Grote in het Middelnederlandsch. Haag 1808.
5 Sie stehen in den Hss. gewöhnlich an derselben Stelle: zwischen dem Buch Esther und dem Makka- bäerbuch(Hoogstra, Einleit. 24).— Auch die deutsche kiistorienbibel I enthält, in den meisten Hss. zwischen Hiob und Esther, eine sagenhafte Geschichte Alexanders d. Gr., aber in einer von dem Seelentrost ganz ab- weichenden Fassung, s. Merzdorf, d. deutschen Historienbibeln S. 90 ff und 543—552.


