hat Bruns eine Erzählung„Van Alexander“ abgedruckt, die bisher nur wenig Beachtung gefunden hat. Und doch hat gerade diese Fassung der Alexandersaget eine Verbreitung gefunden, wie vielleicht keine andere in deutscher Sprache. Sie stammt wie die in dem- selben Buche veröffentlichten zehn mnd. Gedichte aus der Helmstädter— jetzt in Wolfenbüttel befindlichen?— Hs. 1203, die der Herausgeber(S. XV) in das Ende des 14. oder wenigstens in die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts setzen wollte; v. Heinemann weist sie ohne ge- nauere Zeitangabe dem 15. Jahrhundert zu. In der Handschrift steht der„Alexander“, das einzige Prosastück der Sammlung, an 6. Stelle, aber der Herausgeber wollte seinen Un- willen über dieses Litteraturerzeugnis zu erkennen geben und wies ihm darum den letzten Platz in seiner Ausgabe an. Sein Urteil über die Erzählung faßt er in folgende Worte zu- sammen:„Die lügenhafte Geschichte wird als ein Beitrag zur Sprachkunde nicht ohne Wert sein, aber zugleich einen traurigen Beweis geben, zu welchen Ungereimtheiten der Geschmack an wunderbaren und abenteuerlichen Erzählungen unsere Vorfahren verführen konnte.“(S. 334.) Bruns wußte eben nicht, daß dem Alexanderroman bis zum 16. Jahr- hundert in 24 Sprachen mehr als 80 Bearbeitungen zu teil geworden sind(Ausfeld, Festschrift d. bad. Gymnas. S. 97) und daß bis zum 15. Jahrhundert gelehrte Männer dem fabelhaften Berichte des Ps.-Kallisthenes Glauben geschenkt und ihn ganz oder teilweise in geschichtliche Werke aufgenommen haben(Meyer, Alexandre le Grand dans la ltt. franc. II 330). Gerade dieser mnd.„Alexander“ ist ein neuer Beweis für die große Beliebtheit des Stoffes im Mittel- alter, denn wir haben es hier nicht mit einem selbständigen Werke zu tun, sondern mit einer Erzählung, die ursprünglich mit vielen anderen in einem umfangreichen Werke vereinigt war; daß der Schreiber der Helmstädter Sammelhandschrift gerade dieses Stück auswählte, zeigt doch, daß er an der Sage Gefallen fand. Und eben in dieser Fassung— von verschiedenen Anderungen abgesehen— ist die Alexandergeschichte sogar in eine muld. Historienbibel aufgenommen worden. Die Herkunft unseres mnd.„Alexander“ ist allerdings fast allen, die ihn erwähnt haben, unbekannt geblieben, So Gödeke(Grundriß J 473), Schiller und Lübben(Mnd. Wörter- ¹ Für die Bezeichnung Alexander rom an haben sich Nöldeke(Denkschr. d. Wiener Akad. 38, 10), Ausfeld (Jahresber. Gymn. Bruchsal 1804), Gleye(Philologus 56) und Herzog(Progr. Eberhard-Ludwigs-Cymn. Stuttgart 1807) entschieden, weil wir es mit dem Erzeugnis einer halb gelehrten Schriftstellerei und nicht der Volksüberlieferung zu- tun hätten; Kübler bestreitet in der Besprechung von Ausfelds Schrift(Wochenschr. f. kl. Phil. 1895, 743 ff) dessen Auffassung enschieden, und auch Becker(Z. f. d. Phil. 1805, 382) tritt für Alexandersage ein. Rohde gebraucht in seinem„Griech. Roman“ beide Bezeichnungen, Sage und Roman, nebeneinander, obwohl er in dem Werke des Psk. echte Volksdichtung findet; dasselbe Verfahren befolgt Golther(Z. f. vergl. Litt. 4, 140⁄1). Mir erscheint noch
immer Zachers Urteil am zutreffendsten, der in dem griechischen Werke ein„wunderbares Gemisch halb ge- lehrter, halb naturwüchsiger Sagen“ sah(Pseudokallisthenes S. VI). Fränkel(Lit. Zentralblatt 1803, 258) tadelt das
von Carraroli eingeführte leggenda,„wo es sich doch um eine Verquickung von 10⁵ und 2ϑος als trei-o
bendes Motiv handelt“, und gebraucht selbst„Alexander fabel“. ²2 v. Heinemann, Die Hss. der herz. Bibl. zu Wolfenbüttel I 3, S. 110 unter Nr. 1311.
J; den„Romantischen Gedichten in altplattdeutscher Sprache“(Berlin und Stettin 1798)


