Aufsatz 
Geschichte des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums zu Giessen / von August Messer
Entstehung
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muß auch unſer Bildungsweſen dieler Entwicklung Rech- nung tragen. Es gilt hier das Wort: volentem ducunt fata, nolentem trahunt. Schiller ſelbſt ilt von Haus aus eher konſervativ gelinnt geweſen, und er war zeitlebens von der Ueberzeugung durchdrungen, daß nicht radikaler Umſturz des Beftehenden die Menſchen weiter führe, ſondern eine vorſichtige und planmäßige Reform, die allenthalben an das geſchichtlich Gewordene anknüpfe. So hat er es lich denn auch lelblt lange Jahre redlich lauer werden laſſen, in der traditionellen Weile den lateiniſchen grammatiſch-ftiliftiſchen Unterricht zu betreiben, und wenn er mehr und mehr ſeinen Bildungswert in Zweifel zog, lo hat er es auf Grund aus- d gedehnter eigener Erfahrung getan. Schiller war Herlen eben ein Mann, der auch im höherem Alter imftande war, ſeine Anſichten umzubilden, der einen weiten Blick hatte für alle Gebiete unſeres Kulturlebens und für die Anforderungen, die daraus für die Geſtaltung unleres Bildungsweſens erwachlen.

Dabei war es für ihn charakteriftiſch, daß er das Her- kömmliche nicht einfach als gut und vernünftig hinnahm, londern Kritik übte und andere zur Kritik und zu innerer Selbftändigkeit anregte. Im Einklang damit ſtand es, daß er bemüht war, lich auf den Boden der Wirklichkeit zu ſtellen und ſich keinen optimiltiſchen Illuſionen über Menſchen und Welt hinzugeben. Aber trotz ſeines kritilchen Geiltes und trotz ſeines realiftilchen Sinnes glaubte er an menſch- lichen Fortſchritt und wurde nicht müde, ihn an ſeiner Stelle und in leiner Weiſe zu fördern.

Schiller repräfentiert ſo nach ſeiner Perſönlichkeit und nach ſeinem Wirken einen ausgeprägtmodernen Menſchen- typus. Ganz im Diesleits wurzelnd, nüchtern und klar denkend, lebens- und ſchaffensfreudig, beteiligt er ſich mit voller Kraft an der menſchlichen Kulturarbeit und findet eben darin zugleich ſein perſönliches Glück, oder richtiger den Wert des eignen Daleins; denn Menſchen von ſo raft- loſem Tätigkeitsdrang wie er, ſie trachten um ein Wort Nietzlches anzuwendennicht nach Glück, ſie trachten nach ihrem Werke.

Schiller nanm nach ſeiner am 12. Juli 1899 erfolgten Penſionierung ſeinen Wohnſitz in Leipzig. Er hat an der dortigen Univerſität als Privatdozent der Pädagogik bis zu leinem Tode am 11. Juni 1902 mit großem Erfolg gewirkt.i

¹ Nekrologe erſchienen u. a. imGießener Anzeiger vom 14. Juni 1902, No 137 von Ernft Kornemann; in derBeilage zur Allgemeinen