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Und was war das Ergebnis dieſer Gymnaſialzeit?„Latein und Griechilch hatten wir gelernt, philologilch gelernt— ſonft abſolut nichts. Wir überletzten und beherrſchtén die landläufigen Schwierigkeiten der beiden alten Sprachen, aber die Schriftfteller waren uns in den Tod verhaßt und mit Ausnahme eines einzigen meiner Mitſchüler, der ſpäter Philologe wurde, habe ich nicht Einen gekannt, der nicht nach dem Maturitätsexamen ſeine ſämtlichen Klaſſiker zum Antiquar auf Nimmerwiederſehen getragen hätte. Von Geſchichte kannten wir einige Daten aus dem kleinen Bredow; in der Mathematik waren wir bis zur Regel de tri vorgedrungen; wer nicht zu Haule, durch Eltern oder Bekannte, mit den deutſchen Klafſikern vertraut geworden war, hätte aus der Schule nicht wiſſen können, daß es einen Lelling und Wieland, einen Schiller oder Goethe gegeben hatte“.
Das ilt für einen ungefähr Sjährigen Kurlus ein etwas dürftiger Ertrag. Unverkennbar iſt auch der Unterſchied zwilchen dem, was in den Lehrplänen ſtand, und zwilchen der Wirklichkeit des Schullebens. Und wie ſehr ilt diele Wirklichkeit gar entfernt von dem ldeal harmoniſcher Menſchenbildung, das den geiftigen Führern des Neuhumanis- mus, einem Herder, Friedrich Auguſt Wolf, Welcker, auch einem Wilhelm v. Humboldt und Goethe aus der Beſchäftigung mit den Werken der Alten aufleuchtete. Die antike Litteratur
Lande erſt in höherem Alter ein, ſo daß in der einzelnen Klaſſe ſehr verſchieden alte Schüler vereinigt waren. So erfahren wir z. B. aus dem Programm von 1822, das— ausnahmsweiſe— einige ſtatiltiſche Angaben enthält, daß in der 2. Ordnung der Quarta 9 Schüler von 7 ½ bis 15 ¾ Jahren waren, wozu bemerkt wird:„gerade meift die älteften ſind erft ½, ja ¼ Jahr im Pädagogium“. Die Quarta ſelbſt zählte im ganzen nur 24 Schüler, die drei anderen Klafſen dagegen je 70 oder mehr.
Uebrigens ift die Schülerzahl, die Anfang der 20er Jahre 230 bis 240 beträgt, bis Ende der 30er Jahre auf 129 zurückgegangen. Viel- leicht hat dabei die Eröffnung der Realſchule(April 1837) mitgewirkt.
Auch eine damals beftehende Ueberfüllung der gelehrten Berufe dürfte dielen Rückgang mitbedingt haben. Die Zahl der Studierenden an der Univerſität betrug im Sommer-Semefſter 1829: 558; ſie ging bis zum Winter-Semeſfter 1836/37 auf 290 zurück; vgl. den Auffſatz „Die Frequenzverhältnifſſe an der Gießener Univerſität im 3. Jahr- hundert ihres Beſtehens“, Gießener Familienblätter(Unterhaltungs- blätter zum„Gießener Anzeiger“ 1907, No. 17.)
1 Gemeint ilt wohl das damals ſehr verbreitete Schulbuch von Gabriel Gottfried Bredow(1773—1814),„Merkwürdige’Begebenheiten aus der allgemeinen Weltgeſchichte“, Altona 1810, 37. Auflage, 1880.


