Aufsatz 
Geschichte des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums zu Giessen / von August Messer
Entstehung
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charakteriliert ihn als einenhochgebildeten Mann von feinſten Umgangsformen und liebenswürdigltem Welen. Sein Unterricht freilich er gibt nur in Prima ein paar Stunden über griechilche Redner und Tragiker hatte ſchon aus dem Grunde nicht den mindeſften Erfolg, weil Hillebrand ſeine Schüler alsgebildete Menſchen behandelte, worauf lie nach Vogts freimütigem Geltändnisnicht den mindelten Anſpruch hatten. In der Tat, lo wenig ſchön- färberilch die Schilderung der Lehrer ilt, ſo wenig ift es die der Schüler.Wir waren, ſo ſchreibt Vogt,olfen geſtanden, eine bitterböle Rotte ungezogener Gafſenbuben, im ganzen Lande bekannt und berüchtigt... Lernen und Arbeiten war für die große Mehrzahl Nebenſache; die meilten gingen nur darauf aus, die Mitſchüler zu necken und die Lehrer zu ärgern. Durch das Studium der Charaktereigentümlichkeiten unſerer Schultyrannen hatten wir bald einem jeden ſeine ſchwache Seite abgelaulcht und nach einigen, freilich oft ſchmerzhaften Experimenten, wußte man auch, wie man dieſe Schwächen treffen könne, ohne daß der Verwundete ſich durch Strafen hätte rächen können. So war die ganze Gymnaſiumszeit ein beſtändiger Krieg gegen die Lehrerſchaft, der bald Einzelkämpfe oder Vorpoltengefechte, bald ſchlau verabredete Mallenoperationen in den Vordergrund treten ließ und in welchem nur zuweilen Wafkfenſtillltände, aber nie ein dauernder Friede geſchlolſen wurde¹

ließen, ſteht rechts von dem unteren(Haupt-)Eingang des alten Fried- hofs in der Nähe der Kapelle. Einige Schritte weiter links ruht ſein Nachfolger Hillebrand. Diefer war 1788 zu Großdungen bei kildes- heim geboren und hatte altklaſſilcne und orientaliſche Sprachen in Göttingen ſtudiert. Er war dann Prieſter und Lehrer am Joſephinum in Hildesheim, legte aber die Stelle nieder und trat vom Katholizismus zum Proteſtantismus über. Infolge einer pädagogiſchen Schrift wurde er als außerordentlicher Profeffor nach Heidelberg berufen und erhielt dort 1818 den Lehrftuhl Hegels. 1822 kam er als Profeſſor der Philo- ſophie nach Gießen. Er hat eine Reihe philoſophiſcher Werke ver- faßt, in denen er eine Mittelftellung zwiſchen Spinoza und Hegel einnimmt. Auch hielt er Vorlelungen über die deutſche Litteratur ſeit Leffing(woraus ein Zbändiges WerkDie deutſche Nationalliteratur feit Anfang des 18. Jahrhunderts, beſonders ſeit Lelſing(1845) her- vorgegangen ilt). 1847 wird er von der Stadt Gießen als Abgeordneter in die Zweite Kammer gewählt, deren freilinniger Präfident er 1848 einige Zeit war. Durch das Reaktionsminiſterium Dalwigk 1850 in Ruheſtand verfetzt, lebte er noch bis 1871 in Rödelheim und Soden. Vgl. Noack, a. a. O., 384 ff. und den Artikel von Prantl in derAllg. Deutſchen Biographie.

1 Daß die Disziplin lo fehr im Argen lag, dazu dürfte ein Umſtand noch befonders beigetragen haben. Vielfach traten die Schüler vom