Aufsatz 
Geschichte des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums zu Giessen / von August Messer
Entstehung
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Fakultäten zu bilden,¹ ſie trat ebenbürtig an ihre Seite. Das war belonders bedingt durch die gewaltige Entwicklung der eigentlichen Philolophie in Kant und leinen Nachfolgern und das Aufblühen der aus dem Geiſte des Neuhumanismus entſprungenen klafſilchen Philologie. Waren ſeither die Lehrer der Gymnalien in den proteſtantilchen Territorien vorwiegend noch Theologen gewelen, die vielfach ihr Lehr- amt als Durchgangsſtufe zum Pfarramt anlahen, lo bildete lich jetzt ein beſonderer Oberlehrerſtand aus Nichttheologen, und zwar waren es zunächft die klafſilchen Philologen, aus denen er ſich rekrutierte. In einer halbamtlichen Schrift? vom jJahre 1839 wird alsHauptpflanzſchule des Lehrer- ſtandes das klalliſch-philologilche Seminar in Gießen bezeichnet,worin vorzugsweile die Interellen der alt- klafſilchen Wiſſenſchaftlichkeit mit Ernſt und Eifer gepflegt werden, und welches ſchon manchen tüchtigen Schulmann geliefert hat.

In dieſem Uebergewicht der klafſilchen Philologie in der Bildung der Gymnafiallehrer lag es begründet, daß neben den alten Sprachen die anderen Fächer, wenn lie nunmehr auch auf dem Lehrplan ſtanden, doch nicht recht aufkommen konnten. Es fehlte vor allem an Lehrern, die darin eine wirklich willenſchaftliche Vorbildung auf der Univerſität genollen hatten; und ſo wurden auch die Leiltungen oder Nichtleiltungen der Schüler in dieſen Fächern bei der Ver- letzung und bei der Reifeprüfung tatlächlich noch wenig berückſichtigt.

Aus dieſen allgemeinen Verhältniſſen heraus sGndodts werden uns die Schilderungen verltändlich, die des Schul- ein damaliger Schüler des Pädagogiums von lebfashum dielſem ſpäter entworfen hat. Es iſt Carl Vogt,

der ſich als Politiker, Naturforſcher und Vor- kämpfer des philolophilchen Materialismus einen weithin bekannten Namen gemacht hat. Er war am 5. Juli 1817 in Gießen geboren und gehörte von 1825 bis 1833 dem Päda-

gogium an. Die Darſtellung, die er von den Lehrern des

¹ Daran wurde auch dadurch nichts geändert, daß noch längere Zeit für Theologen, Juriften, Mediziner noch philoſophiſche ſog. Zwangskollegien beſtanden; vgl. Feſtſchrift I, 392, No. 432; 398, No. 586; 401, No. 655.

²2 Von dem damaligen Chef des heſſiſchen Schulweſens, Linde, in dem oben genannten Buche, S. 264.