Aufsatz 
Geschichte des Landgraf-Ludwigs-Gymnasiums zu Giessen / von August Messer
Entstehung
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juriſtilcher Profeſlor, im nächften Jahre ein Vertreter der Medizin hinzu. Der Theologieprofeſlor Winckelmann wurde erfter Rektor, der Profeflor der Ethik Konrad Dieterich, der frühere Marburger Archidiakon, wurde erfter Pädagogiarch.¹ Die Stadt Gießen hatte in dem noch jetzt ltehenden alten Rathaus am Markt drei Räume zur Verfügung geltellt; in dem eine Treppe hoch gelegenen größten fanden die Vorleſungen ſtatt, in zwei Räumen des oberen Stockwerks waren die vier Klafſen des Pädagogs, je zwei zulammen, untergebracht. Damit war alſo eine Anſtalt geſchaffen, die wir nach unſerem Sprach- gebrauch als eine Univerſität mit einem zu ihr gehörigen Gymnalium bezeichnen würden. Damals hieß freilich das Ganze die Fakultäten mit dem Pädagogium Gymnaſium academicum oder illuſtre. Den Titel Akademie oder Univerſität (ſtudium generale) führte eine lolche Anſtalt erſt, wenn ſie vom Kailſer das Recht erhielt, die akademiſchen Grade, d. h. die Würde des Baccalaureus und Magiſter in der philoſophilchen, die des Doktor in den übrigen Fakultäten zu verleihen. Ein ſolch kaiſerliches Privileg für ſeine Anſtalt zu gewinnen, war denn auch Landgraf Ludwig eifrigſt bemüht. Er hat ſchwierige und koltſpielige diplomatiſche Verhandlungen zu dieſem Zwecke geführt und auch perlönlich am Hofe des Kailers Rudolfs II.(1576 1612) dafür gewirkt. Es gelang ihm ſchließlich, die Gegenwirkungen der Hellſen- Kaſſeler Diplomatie und andere Hemmnilſe zu überwinden. Freilich mußte er verſprechen, die Univerſität Gießen wieder aufzuheben, wenn die früheren Zuftände in Marburg wieder- hergeltellt und ſeine Anſprüche auf Mitverwaltung der Univerſität anerkannt ſeien. Das Univerſitätsprivileg ift datiert vom 19. Mai(alten Stils; d. i. 9. Mai nach dem verbelſlſerten gregorianilchen Kalender) 1607. Am 7. Oktober fand die feierliche Eröffnung der nunmehrigen Hochſchule ſtatt. Die Zahl der Profefſoren war jetzt ſchon auf i8 vermehrt, die Zahl der Studenten auf 300 geltiegen. Gießen hatte bald Marburg überflügelt.Deum immortalem ſchrieb damals ein Wittenberger Profefſor an einen Gießener Kollegen,ut

1 Er blieb es bis 1614, wo er als Superintendent und Direktor des Gymnalfiums nach Ulm ging. Die an ihn gerichteten Briefe, die in der Münchener Univerſitätsbibliothek aufbewahrt werden(cod. Germ. 1257 1259) ſind zeitgeſchichtlich recht intereſfant. Sein Nach- folger wurde von 1614 1625 Chriſtoph Scheibler, Profeflor der griechiſchen Sprache, ſpäter der Logik und Metaphyſik. Ein Ver- zeichnis der Pädagogiarchen und der Pädagoglehrer hat der Gymnalial- direktor Ed. Geift in dem Programm des Gießener Gymnaliums von 1845 zulammengeltellt.