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der dem Calvinismus zuneigte, kümmerte ſich darum nicht, ſondern zeigte ſich von Anfang an beſtrebt, in dem neu erworbenen Gebiet ſeine religiös-kirchlichen Anſchauungen zur Herrſchaft zu bringen. Er faßte ſeine Forderungen in drei„Verbeſſerungspunkten“ zulammen. Der erfte verbot jeden Streit über die„Ubiquität“, d. h. die Allgegenwart des Leibes Chrifti(die von den Lutheranern behauptet, von den Calviniſten beſtrittenwurde); der zweite verlangte die reformierte Form der zehn Gebote; der dritte den reformierten Ritus des Brotbrechens beim Abendmahl. Als die Marburger Theologieprofelloren Johann Winckelmann und Balthalar Mentzer, ferner der Superintendent Heinrich Leuchter und der Archidiakon Konrad Dieterich die Anerkennung der „Verbeſſerungspunkte“ verweigerten, wurden ſie am 22. juli 1605 ihrer Aemter entletzt.
Die orthodox-lutheriſche Geiſtlichkeit von
„Grügduns Hefſen-Darmitadt war ſchon durch den Uebergang ſität und Marburgs in den Beſitz des Landgrafen NMoritz ghädan. in lebhafte Beſorgnis geraten, es möchten die dort ſtudierenden Landeskinder der reinen Lehre entfremdet werden. Nach der Entlaſſung der vier Theologen vollends ſchien die von dem calviniſtiſchen Gift verſeuchte Hochſchule durchaus nicht mehr geeignet zu ſein, als Pflanz- ſtätte für die hefſen-darmſtädtilche Geiltlichkeit zu dienen. Schon im Auguft 1605 wird eine Konferenz in Darmſtadt abgehalten, zu der auf Einladung des Landgrafen auch drei der aus Marburg vertriebenen Theologen erſchienen waren. Hier wurde beſchloſſen, eine beſondere Univerſität für Heſſen-Darmſtadt zu begründen— das mochte auch im Intereſſe der Selbftſtändigkeit der Landgrafſchaft geboten erſcheinen. Als Sitz der Univerlität wählte man das von Philipp dem Großmütigen zur Feſtung erhobene Gießen. Der Hauptgrund für die Wahl Gießens war nicht lowohl ſeine Bedeutung— es zählte damals nur etwa 3000 Ein- wohner— ſondern ſeine Lage in der Nähe Marburgs, deſſen Einfluß ja bekämpft werden ſollte. Schon am 10. Oktober 1605 konnte die neue Anſtalt eingeweiht werden, am 14. begannen die regelmäßigen Vorleſungen, am 21. der Unter- richt im Pädagogium. Man zählte etwa zweihundert— wohl meiſt aus Marburg herbeigekommene— Scholaren, davon 130 Studenten und 70 Schüler des Pädagogiums. Zunächlſt waren nur 2 Profeſloren der theologilchen und 5 der philoſophiſchen Fakultät vorhanden; dazu noch 4 Lehrer am Pädagogium. Aber lchon im November 1605 kam ein


