Aufsatz 
Einige Gedanken über die Erziehung zur Sittlichkeit / von Ludwig Dieffenbach
Entstehung
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wohl auch den Ausſpruͤchen des Sittengeſetzes mit Feſtigkeits folge leiſten werde. Unrecht haben aber jene Erzieher, wenn der Eigenſinn eine ſolche Richtung des Begehrungsvermoͤgens iſt, nach welcher dor Menſch nur das erſtreben will, was ſei⸗ ne Willkuͤr fordert, unbekuͤmmert um die Beziehungen, worin es fonſt ſtehen mag. Einer ſolchen Richtung der Seele muß doch wohl entgegen zearbeitet werden; denn ſie iſt die Quelle der haͤßlichſten Selbſiſuche und der widerlichſten Paradopien, die man leider! ſo oft bei Menſchen finder, welche das Schick⸗ ſol durch ihre Gebnrt ſchon uͤber Andere erhob, und deren Willkuͤr von ihrer fruͤhſten Jugend an gehuldigt wurde. Ofe koͤnnen dieſe Meyſchen eine hohe intellektuelle Bildung erhal⸗ ren ohne daß ſie im Stande waͤren, im mindeſten ihrer Will⸗ küͤr Schranken zu ſetzen. Die Richtung des Gemuͤths iſt naͤm⸗ lich ſchon zu feſt geworden, als daß das Denken ihr Einhale thun könnte; oder es iſt durch die fruͤheren und oft wieder⸗ holten Eindruͤcke wenigſtens in dieſem Punkte eine gewiſſe Ver⸗ ſchrobenheit bewirtt worden.

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Sittlichkeir iſt das Befolgen allgemeiner, ewig heiliger Ge⸗ ſetze, und der Sittliche hat den hoͤchſten Grad von Vollkom⸗ menheit erreicht, wenn er, ohne daß es ihm Muͤhe und An⸗ ſtrengung koſtet, dieſen Geſetzen gehorſam iſt. Der Zoͤgling ſoll alſo dahin gefuͤhrt werden, ſich dereinſt jenen Geſetzen zu unter⸗ werſen, was auch ſeine Sinnlichkeit und Willkuͤr dagegen ſa⸗ gen moͤge. Dieſer Gehorſam gegen das Sittengeſetz wird vor⸗ bereitet durch den Gehorſam gegen den Erzieher; denn dieſer iſt der Stellvertreter der Vernunft des Kindes, und es muß alſo natuͤrlich vorausgeſetzt werden, daß er dieſes auch durch die Herrſchaft ſeiner eignen Vernunft ſein kann. Waͤre er freilich noch ſelbſt der Herrſchaft der Willkaͤr unterworfen; be⸗ rafte er heute, was er morgen ungeahnder hingehen leh