3.
Wen ſollte eine ſoiche Behandlung des armen Zöglinge nicht empoͤren? Die Gradheit des Charakters wird hierdurch im erſten Aufkeimen zernichtet, und dagegen werden glatte, heuchleriſche Menſchen gebilder, die hier mit Selavenſinn ſich ſchmiegen und dort tyranniſch druͤcken. Lehrer an oͤffentlichen Schulen haben nur zu oft Gelegenheit ſich von dieſer trauri⸗ gen Wahrheit zu uͤberzeugen. Diejenigen Knaben, die ſchon fruͤh abgerichtet worden ſind, uͤber ihre Mienen zu wachen und ihr Aeußeres auf das ſorgfaͤltigſte in Regeln der Conve⸗ nienz zu fuͤgen, ſind leider! ſehr oft die verdorbenſten und die wahren Tyrannen ihrer Mitſchuͤler, wenn ſie unbemerkt zu ſein
glauben.
So wie man aber dem Kinde ſo wenig als moͤglich, vor⸗ zuglich gegen die natuͤrlichen Empfindungen deſſelben gebieten ſoll; eben ſo ſoll man ſich auch von ihm nicht gebleten laſſen. Es iſt wahr, das huͤlfloſe Kind bedarf nothwendig der Pfiege und Unterſtuͤtzung der Eltern; muß alſo bei jedem Beduͤrfniſſe an dieſe ſich wenden, und es iſt ihre Pflicht, dieſem Beduͤrf⸗ niſſe abzuhelfen: aber auch nur die Befriedigung natuͤrlicher Beduͤrfniſſe darf es fordern, nicht ſolcher, die ihre Quelle in der Willkuͤr haben. Hierin aber fehlen die meiſten Eltern ſchon in den erſten Lebenskagen des Kindes und legen dadurch den Grund zur Herrſchaft der Willkuͤr, oder, um das uͤbliche Wort zu gebrauchen, zum Eigenſinne. Das Kind ſoll durchaus nicht weinen und man eilt daher, ſo wie es ſich nur regt, auf alle moͤgjiche Art es zum Schweigen zu bringen; wenn man auch ſchon auf das feſteſte uͤberzeugt iſt, daß alle ſeine Be⸗ Kürfniſſe befriedige ſind und daß das Weinen nur eine Auffor⸗
derung enthaͤlt, Sorge zu tragen fur die Befriedigung ſeiner Launen, wenn ich dieſes Wort hier gebrauchen darf.— So Volen;. B. viele Kinder nicht anders einſchlafen, As wen 5
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