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dagegen eine z. T. zu weit gehende Gegenströmung in den deutschen Sprachgesellschaften entstand. Der berühmte Epi- grammatiker Logau sagte schon:„Alamode-Kleider, Alamode- Sinnen, wie sich's wandelt aussen, wandelt sich's auch innen“. Unser Klopstock donnerte gegen diesen Unfug, aber erst in neuester Zeit hat das besonnene und unermüdliche Wirken des allgemeinen deutschen Sprachvereins hier Wandlung ge- schaffen, nachdem durch die Aufrichtung des deutschen Reichs ein deutsches Volksbewusstsein sich allmählich zu bilden begann.
Andre suchen ihre Bildung damit zu beweisen, dass sie stets das Wort führen, sie fühlen sich nicht wohl, wenn sie nicht immer sich sprechen hören; die Kunst und das Geschick mit Verständnis zuzuhören, ist ihnen fremd. Aber wenn sie auch durch ihre Reden vielleicht achtungswerte Kenntnisse auf manchen, ja auf vielen Gebieten darlegen, wahre Bildung beweisen sie damit nicht. Dass endlich auch der Besitz von Reichtum vielfach der Bildung gleich geschätzt wird, ist ja in unsrer materialistischen Zeit bei ihrer Richtung nach Er- folgen und nach Anerkennung nicht zu verwundern. Vielfach öffnet ja grosser Besitz an Geld und Gut solchen Menschen die Thüren von Gebildeten, die sonst sicher nicht beachtet werden würden. Und ist endlich der Mensch wahrhaft ge- bildet, der in seinem Fache oder Berufe Tüchtiges, ja Her- vorragendes leistet, aber nicht im Stande ist über irgend etwas Andres eine nur leidliche Unterhaltung zu führen? Gewährt nicht eine ausserordentliche Fachbildung seinem Be- sitzer das Recht, ein gebildeter Mensch zu heissen? Nein! wenn wir auch für seine Leistungen noch so grosse Hoch- achtung empfinden.
So sehen wir, dass wir bei dem Begriffe der Bildung auf die bedeutendsten Schwierigkeiten stossen, und wir können uns nicht darüber wundern, dass immer und immer wieder die Frage„Was ist Bildung?“ aufgeworfen und je nach dem Standpunkte des Verfassers beantwortet wird. Aus dem letzten Beispiele ist zunächst klar geworden, dass wir eine


